Leistungsdruck Abitur Studium
Der Experte meint: "Schulnoten sind nicht immer entscheidend!" | Foto: Thinkstock/lightkitegirl

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Nina Weidlich

Zündstoff

Leistungsdruck in Schule und Uni: Wann ziehen wir endlich den Stecker?

"In der Schule sind die Chancen ungleich verteilt"

UNICUM: Der Film "Jugend ohne Gott" handelt, im Gegensatz zum gleichnamigen Roman, dessen Handlung im Deutschland der 1930er-Jahre angesiedelt ist, in einer scheinbar nicht all zu fernen, dystopischen Leistungsgesellschaft. Wie steht es um unsere aktuelle Leistungsgesellschaft? 
Prof. Dr. Dörre: Wir erleben gegenwärtig so etwas wie eine Gratifikationskrise. Viele Menschen haben das Gefühl, viel zu leisten, aber dafür nicht genug zurückzubekommen. Das macht unzufrieden. Gerade bei Jugendlichen kommt hinzu, dass sie häufig genau wissen wollen, warum sie eine Leistung erbringen müssen. Auf diese Frage gibt es häufig genau keine befriedigenden Antworten. Stattdessen treffen sie auf eine Welt, in der nahezu alles bewertet, in Ratings und Rankings gelistet wird. Dann fangen sie an, die Welt zu sehen, wie sie ist – verlogen und kalt, wie es im Film heißt.   

Wie hat sich das Schulsystem in den letzten Jahren verändert? Haben Schüler es heute einfacher oder schwerer als damals? 
Auch die Schule wird mehr und mehr zu einer reinen Leistungsgesellschaft. Aber zu einer Leistungsgesellschaft, in der die Chancen von vornherein ungleich verteilt sind. In kaum einem anderen europäischen Land hängen die Bildungschancen derart von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Positiv ist, dass die Mädchen aufgeholt, ja die Jungen überholt haben. Aber wer aus einem Arbeiterhaushalt stammt, der hat es heute schwerer als im Westdeutschland der 1970er-Jahre. Auch für Kinder aus Migrantenfamilien ist der Aufstieg durch Bildung schwer. Das liegt wesentlich daran, dass schon das Lernen als Wettbewerb, als Auslese gestaltet wird. Wettbewerb bedeutet, dass permanent Gewinner und Verlierer produziert werden. Nur die Stärksten überleben und bekommen einen guten Studienplatz. Und die Stärksten sind nicht zufällig immer die, die vom Elternhaus her begünstigt sind.  

Stress Schule Studium

Von wegen zu easy: Früher war das Abitur noch viel leichter

Immer mehr Schüler machen Abitur und gehen danach an die Uni. Oft wird davon geredet, dass das Abi viel zu einfach ist und dadurch an Wert verliert. Muss das Abitur wieder schwerer werden?
Das ist Unsinn. Das Abitur ist nicht zu leicht. Ich hatte es in den 1970er-Jahren viel leichter. Ich konnte mir eine Fächerkombination nach Wunsch zusammenstellen, fast ohne die naturwissenschaftlichen Fächer und mit einem sozial- und geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt. Die Klage über das Abitur kommt von bildungsbeflissenen Mittelschichteneltern, die in der ständigen Angst leben, der Virus der Leistungsverweigerung könne den eigenen Nachwuchs erfassen.

Das hängt damit zusammen, dass die eigene soziale Position sehr stark von den Bildungskarrieren abhängt. Aber man kann und darf das Rad nicht zurückdrehen. Auch weil die Anforderungen im Beruf steigen, werden erhebliche Teile eines Jahrgangs das Abitur machen und studieren. Allerdings sind weder Abitur noch Studium eine Garantie für einen attraktiven Job. Das Bildungskapital wird gewissermaßen entwertet. Das spüren Mittelschichteltern und machen deshalb ihren Kindern, aber auch den Lehrern gehörigen Druck. Ihnen kann es gar nicht leistungsorientiert genug zugehen. 

Die Jugendlichen im Film werden in einem speziellen Hochleistungscamp für ein Studium an einer Elite-Universität ausgebildet. Welchem Leistungsdruck müssen sich junge Menschen stellen, die nach dem Abitur studieren möchten?
Das hängt davon ab, was sie studieren möchten. Wenn sie einen Studienplatz in einem Fach mit hartem Numerus Clausus – nehmen wir Medizin oder Psychologie – ergattern wollen, zählt schon in der Schule jede Zehntelnote, jeder Punkt im Abitur. Entsprechend ehrgeizig und strebsam muss man sein.

Ein generelles Problem ist: im Studium muss man vieles selbst regeln, sich den Stundenplan erstellen, die Seminare aussuchen, Hausarbeiten schreiben etc., obwohl auch hier schon vieles verschult ist. Dennoch sind viele Schülerinnen und Schüler, die an die Unis kommen, selbstständiges Lernen nicht gewohnt. Für einen Teil kommt das Studium definitiv zu früh. Das unsinnige Abitur in der 12. Klasse hat dazu beigetragen. Vor allem gilt jedoch: selbstständiges Lernen und kreatives Arbeiten kommt in der Schule zu kurz. Deshalb haben viele Schwierigkeiten, wenn sie an die Uni kommen.   

Weniger Druck, mehr positiver Stress

Bis zu welchem Punkt ist Druck leistungsfördernd, ab wann kann er schädlich werden?
Wenn man nur noch für die Noten lernt, bleibt das eigentliche Bildungsziel auf der Strecke. Eigentlich geht es ja vor allem darum, dass sich Jugendliche zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln können, die in der Lage sind, ihr Leben selbst zu meistern, urteils- und entscheidungsfähig zu sein. Ein Lernprozess, der den Wettbewerbsgedanken in den Mittelpunkt stellt, entfernt sich von diesem Ziel. Die Verlierer merken, dass sie nicht perfekt sind und verlieren die Lust zu lernen. Für sie wird das Lernen zum Zwang.

Aber auch die Sieger vereinseitigen. Sie setzen sich durch, aber auf Kosten der anderen. Kooperation, Solidarität – das sind Werte und Verhaltensweisen, die auf der Strecke bleiben. Jugendliche wollen gefordert werden. Positiven Stress lehnen sie nicht ab. Aber sie wollen für ihre Leistungen angemessen belohnt werden – mit Anerkennung und Respekt. Und das gilt auch für diejenigen, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten angestrengt haben, aber nicht an der Spitze der Leistungspyramide stehen.

Wer ist Ihrer Meinung nach in der Verantwortung, den Schülern den Leistungsdruck zu nehmen? Eltern, Lehrer, Arbeitgeber?
Alle. Eltern und Lehrer haben aber eine besondere Verantwortung. Die Lehrer stehen selbst unter Druck. Ihre Schulen werden ja häufig auch nach Wettbewerbskriterien bewertet. Und die Eltern wollen immer nur das Beste für ihre Kinder. Das Ergebnis sind dann häufig durchgeplante Tage schon bei Halbwüchsigen, die kaum noch Freiraum lassen.

Zur Schule kommt die obligatorische Nachhilfe, um noch besser zu werden, der Sport, der zusätzliche Sprachkurs, das Instrument, das man lernen soll. Hier wäre es besser, einen Gang rauszunehmen. Im Berufsalltag wissen viele Arbeitgeber ohnehin, dass Schulnoten nicht immer entscheidend sind. 

Wie kann man als Schüler gegen seine Eltern argumentieren, die immer nur schulische Bestleistungen erwarten?     
Kein Spitzensportler kann auf Dauer ausschließlich Spitzenleistungen erbringen. Das ist unmöglich. Es gibt Aufs und Abs bei der Leistung. Was für Spitzensportler gilt, trifft auf Schülerinnen und Schüler allemal zu. Außerdem: Wie will man Leistung objektiv messen? Schulnoten erzeugen eine Scheinobjektivität, weil sie im Grunde Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn ich im Rahmen meiner Möglichkeiten das Optimale schaffe, ist das eine Spitzenleitung, auch wenn am Ende nur eine Durchschnittsnote dabei herauskommt.   

Lernstress Schule Studium

"Konkurrenz und Ellenbogen dürfen nicht alles bestimmen"

In "Jugend ohne Gott" ist das Verhältnis zwischen Schülern und Autoritätspersonen eher kühl. Im "echten Leben" haben Schüler heute oft ein lockeres Verhältnis zu ihren Lehrern, sind mit ihnen per Facebook oder WhatsApp verbunden. Wie gefährlich ist so ein lockeres Schüler-Lehrer-Verhältnis?
Gegen ein lockeres Schüler-Lehrer-Verhältnis ist nichts einzuwenden, wenn die Rollen klar verteilt bleiben. Anders gesagt: Lehrerinnen und Lehrer müssen Respektspersonen sein. Sie müssen fachlich und menschlich von den Schülerinnen und Schülern als Autoritäten anerkannt werden. Das ist gerade für junge Leute aus Arbeiterhaushalten oder Migrantenfamilien wichtig. Nur fachlich anerkannte, faire Lehrer können positiven Stress erzeugen. Und wer als Mensch und Pädagoge anerkannt ist, muss sich nicht autoritär verhalten, um Verbindlichkeit auf Seiten der Schüler herzustellen.    

Es gibt viele neue technische Geräte, die zum Vergleich sowie zur Messung und Erfassung von Leistungen dienen. Welche Auswirkungen haben neue Technologien auf unsere Leistungsgesellschaft?
Ich halte den Trend für fatal. Wir erleben das ja alle im Alltag: Anzeiger, die die Zahl unserer Schritte messen. Die Anzahl der Besucher auf unserer Homepage, die Follower in den sozialen Netzen usw. Leistungsmessung all überall. Im Grunde führt das zu einer völligen Entwertung von Leistung. Belohnt wird in unserer Gesellschaft häufig nicht die Leistung, sondern nur der Erfolg. Oder, um die Weisheit eines berühmten Fußballpoeten zu zitieren: Nichts ist "scheißer" als der zweite Platz. Von diesem Denken müssen wir wieder wegkommen.

Der individuelle Verzicht auf permanente Leitungsmessung im Alltag ist dazu ein erster Schritt. Das Ganze hat aber auch eine politische Dimension. Bei Amazon können die Handscanner ein genaues Leistungsprofil der Picker erstellen, jede Ruhepause wird erfasst. Big Brother is watching you! Wollen wir das? Wollen wir für andere total transparent sein? Ich halte das für eine Form der Tyrannei, gegen die wir uns wehren müssen.   

Für wie realistisch halten Sie den Film im Hinblick auf ständige Überwachung und das Sammeln sämtlicher Daten der Schüler zur besseren Vergleichbarkeit? Wo liegen darin die größten Gefahren?
Der Film schildert eine Dystopie, er lebt von erkenntnisfördernder Übertreibung. Ich fürchte aber, er ist näher an der Realität, als viele glauben mögen. Das Elitedenken hat längst in Schulen und Universitäten Einzug gehalten. Damit setzen wir aufs Spiel, was das deutsche Bildungssystem lange ausgezeichnet hat – eine breite Grundlagenbildung, die dann eine Basis für berufliche Spezialisierung bietet. Das lückenlose Sammeln von Leistungsdaten ist schon jetzt technisch möglich. Deshalb wird Datenschutz schon in der Schule zu einer wichtigen Aufgabe.

Es geht aber um mehr, um Grundsätzlicheres. Auch das wird im Film gesagt: Es geht um den Traum von einer Welt, in der alle Menschen gleich, ich würde sagen: gleichwertig sind. Um eine Welt, in der Konkurrenz und Ellenbogen nicht alles bestimmen. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Das ist – letztendlich – die positive Botschaft des Films.


Zum Experten

Prof. Dr. Klaus Dörre

Prof. Dr. Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena. An seinem Lehrstuhl beschäftigt er sich mit dem Wandel der Arbeitsgesellschaft.

Seine letzte Veröffentlichung behandelte das Thema "Leistung und Gerechtigkeit. Das umstrittene Versprechen des Kapitalismus:"

 

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