Moralischer Kompass
Auch im Beruf muss man sich oft auf seinen moralischen Kompass verlassen | Foto: Thinkstock/Remains
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19. Feb 2016

Merel Neuheuser

Zündstoff

Drei Jobs ohne leichte Entscheidungen

Ein Richter, eine Ärztin und ein Polizist über ihren Beruf

Die Ärztin und schlechte Diagnosen

Dr. Jana Husemann, 33 Jahre alt, ist niedergelassene Hausärztin in Hamburg. Vorher hat sie dreieinhalb Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet, davon ein halbes Jahr auf der Intensivstation. Dr. Jana Husemann

UNICUM: Wer mit dem Gedanken spielt, Arzt zu werden, hat häufig Angst vor großer Verantwortung. Trifft einen diese Verantwortung dann wirklich so hart?
Husemann: Da wächst man rein. Bereits im Studium bekommt man einen Eindruck von der Verantwortung des Berufs, die Studenten sind ja von Anfang an am Krankenbett. Ich habe mich damals noch ein bisschen allein gelassen gefühlt. Plötzlich war ich Arzt und musste in der Notaufnahme selber entscheiden! Und dann kommen auch Anforderungen, wie zum ersten Mal eine schlechte Diagnose zu überbringen oder Patienten sterben zu sehen.

Können Sie sich an das erste Mal erinnern, dass Sie eine schlechte Diagnose überbringen mussten?
Ja, das war Lungenkrebs. Allerdings hat der Patient das schon geahnt. Im ersten Gespräch bekommen Patienten gar nicht so genau mit, was man da sagt.

Sind deshalb auch die Hausärzte diejenigen, die besonders nah an Trauer und Freude, Glück und Unglück arbeiten?
Genau. Nachdem die Patienten die Diagnose im Krankenhaus bekommen haben und nach Hause entlassen wurden, dämmert ihnen erst so langsam, was das bedeutet. Dann muss man sich als Hausarzt zusammen mit dem Patienten überlegen, wie es weitergeht. Man kennt die Patienten oft schon seit vielen Jahren und ist dann natürlich auch emotionaler involviert.

Wird man im Studium auf solche Situationen vorbereitet?
Ja, und heute glaube ich noch viel besser. Es gibt einen Kurs namens "Überbringen schlechter Nachrichten". Bei mir mussten wir die schlechten Nachrichten noch Kommilitonen
vortragen, heute wird das mit Schauspielern gemacht. So kann man sich viel besser reinversetzen.

Wie stark ist der Job ein Wechselbad der Gefühle? Geht man mal traurig nach Hause, mal glücklich?
Glücklich bin ich vor allem, wenn sich Patienten bei mir bedanken und mir gutes Feedback geben. Das ist das Schöne an dem Beruf und das gibt einem wahnsinnig viel. Es gibt aber auch schlechte Tage, wenn man denkt, dass man nicht wirklich helfen konnte.

Welche Situation hat Sie bislang am meisten mitgenommen?
Das war, als ein Patient ohne Angehörige aus der Hausarztpraxis eine Krebsdiagnostik bekommen hat, ins Krankenhaus gekommen ist und relativ schnell verstorben ist, womit wir gar nicht so schnell gerechnet haben. Ich fand es sehr traurig, dass ich mich nicht verabschieden konnte, dass er allein im Krankenhaus gestorben ist.


Der Richter und schwierige Urteile

Christian Friehoff, 51 Jahre, ist Vorsitzender des Bundes der Richter und Staatsanwälte in NRW, erfahrener Strafrichter und Jugendstrafrichter.Richter Christian Friehoff

UNICUM: Können Sie sich noch an das erste Mal erinnern, dass Sie vor Gericht eine Entscheidung als Richter treffen mussten?
Friehoff: Eine meiner frühesten Erinnerungen an meine richterliche Arbeit ist die an einen Meineid eines Zeugen in einer eher trivialen Schadensersatzklage nach Verkehrsunfall. Ich war schockiert, dass jemand für so was seine Freiheit aufs Spiel gesetzt hat. Schon wenige Monate später war ich im Schwurgericht eingesetzt, das nur Tötungsdelikte verhandelt. Bei der ersten Urteilsverkündung war ich unsicher und es fiel mir schwer, den Angeklagten anzuschauen, als ihm die langjährige Haftstrafe verkündet wurde. Aber schon nach kurzer Zeit gewöhnt man sich an diese Situation.

Wie groß ist der Ermessensspielraum eines Richters neben dem Gesetz?
Es gibt kein Ermessen neben dem Gesetz. Es gibt nur ein Ermessen im Gesetz, wobei Ermessen schnell nach Willkür klingt, und das ist es sicher nicht. Der Richter muss eine Entscheidung treffen und diese begründen: warum er dem einen Zeugen glaubt und dem anderen nicht. Das Gesetz definiert für diese Entscheidungen nur einen Rahmen. Von daher kann und darf die Persönlichkeit des Entscheidenden nicht außen vor bleiben.

Ihr Urteil kann eine Partei in Freudentränen ausbrechen lassen, die andere Partei in verzweifelte Tränen – wie viel Mitleid haben Sie bei folgeschweren Entscheidungen?
Wer als Strafrichter kein Mitleid empfinden kann, ist fehl am Platz. Wer sich von seinem Mitleid die Entscheidung abnehmen lässt, auch. Manche Schicksale gehen einem mehr unter die Haut als andere. Gerade bei jungen Angeklagten hofft man, noch was verändern zu können. Wenn man das zu oft mit nach Hause nimmt, wird es gefährlich. Die meisten Strafrichter kultivieren daher einen eher "rustikalen" Humor. Das hilft, sich die Schwielen von der Seele zu lachen.

Jeder kennt Fälle aus den Medien von zu Unrecht Verurteilten – gehört es zum Beruf dazu,  dass Fehlentscheidungen getroffen werden?
Bei Fehlentscheidungen geht es nicht nur um die unschuldig Verurteilten. Auch an die zu Unrecht Freigesprochenen muss man denken. Der Richter muss immer über Sachverhalte entscheiden, die er nur aus dritter Hand kennt. Daher ist es nur eine Frage der Statistik, bis man sich sicher sein kann, auch selbst schon falsch entschieden zu haben. Die beste Art, damit umzugehen, ist wohl die, dass man seine Entscheidung eingehend vorbereitet und auf die bestmögliche Tatsachengrundlage stützt.


Der Polizist und heikle Einsätze

Max H., 26, ist Kommissar auf der Innenstadtwache in Bonn. Zuvor hat er drei Jahre für die Bereitschaftspolizei gearbeitet. Polizist Max H.

UNICUM: Bleibt man als Polizist auch in seiner Freizeit im Job? Muss man also auch mal Freunde maßregeln, wenn abends auf der Party die Musik zu laut ist?
H.: Ich habe mir angewöhnt, das ganz klar zu trennen. In meiner Freizeit bin ich zwar vom Gerechtigkeitssinn her Polizist, aber ich würde nie Freunden gegenüber den Polizisten raushängen lassen und auf kleinere Verfehlungen aufmerksam machen. Anders wäre es natürlich, wenn ich im Bekanntenkreis von Straftaten mit erheblicher Bedeutung erfahren würde, aber da wäre auch jeder andere Bürger verpflichtet, das zu melden. Als Polizist ist man manchmal sehr belastenden Situationen ausgesetzt, wie das Ersteintreffen bei Verkehrsunfällen.

Was gehört sonst noch dazu?
Todesfälle sind für jeden Kollegen immer eine Hausforderung. Wenn jemand verstorben und kein Hausarzt zur Stelle ist, der bestätigt, dass der Tod plausibel ist, dann muss der Notarzt und somit auch die Polizei kommen. Es muss ausgeschlossen werden, dass eine Gewalttat vorliegt. Dazu gehört vor Ort dann auch die Kommunikation mit den Angehörigen. So eine Situation ist emotional belastend und kann bleibende Eindrücke hinterlassen.

Wird man im Studium auf solche Situationen vorbereitet?
Ja und nein. Das Pflichtfach "Polizeiethik" ist als Nebenfach Bestandteil des Studiums. Richtig vorbereitet ist man auf so eine Situation aber nie. Man lernt aber viel in der Zeit, in der man als Praktikant als dritter Mann mitfährt und dort von einem Tutor begleitet wird. Mittlerweile gibt es außerdem ein sehr umfangreiches polizeiinternes Betreuungsangebot, zu dem auch Seelsorge gehört.

Welche Situation hat Ihnen bislang emotional das meiste abgefordert?
Das war gleich bei meinem ersten Praktikum – ein Schusswechsel zwischen einem Kollegen und einem Bankräuber, bei dem der Kollege angeschossen wurde und der Bankräuber verstorben ist. Das war das erste Mal, dass ich erfahren musste, dass es im Polizeialltag aus heiterem Himmel relativ schnell zu Situationen kommen kann, die lebensgefährlich sind.

Kommen Schusswechsel denn häufiger vor?
In Deutschland ist ein Schusswechsel mit einer anderen bewaffneten Person zum Glück immer noch eine Ausnahme. Aber auch der Schusswaffengebrauch nur vonseiten des Polizisten kann für den betroffenen Beamten sehr belastend sein.

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