Digitalpakt für Schulen
Schulen sollen digitaler werden. Doch reicht der Digitalpakt? | Foto: seb_ra/Getty Images
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20. Mai 2019

Sarah Kröger

Zündstoff

Digitalpakt: Fünf Milliarden für die Digitalisierung

Der Digitalpakt reicht nicht

Vor kurzem hat der Bundesrat der für den Digitalpakt notwendigen Grundgesetzänderung zugestimmt. Fünf Milliarden Euro werden in den nächsten fünf Jahren in die Verbesserung der digitalen Infrastruktur von Deutschlands Schulen investiert. Doch reicht das? Nein, meint Ira Diethelm, Professorin für Didaktik der Informatik an der Uni Oldenburg. 2,8 Milliarden Euro jedes Jahr würde es brauchen, um Deutschlands Schulen digital ordentlich auszustatten. So hat es das Institut für Informationsmanagement Bremen ausgerechnet. Sie nennt den Digitalpakt auch gerne einen Ablasshandel oder "die Geld-gewordene Aspirin, die den Kopfschmerz der digitalen Bildung auflösen soll." Denn die letzten 30 Jahre hätten der Bund und die Länder nichts gemacht. Dabei sei doch schon sehr lange klar, dass man digitale Kompetenzen nicht mit Kreide unterrichten könne, das wäre wie Chemie-Unterricht ohne Experimente.

Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom verfügen mittlerweile zwar die meisten Schulen über Beamer, Laptop und PC, allerdings meist nur als Einzelgeräte und in bestimmten Fachräumen. Zwei von drei Schulen haben immerhin Whiteboards, in jeder dritten Schule gibt es Tablets und in ganzen zwei Prozent der Schulen kommen Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz. Doch es fehlt nicht nur an technischer Ausstattung, die gesamte Infrastruktur ist marode. Nur zirka die Hälfte der Schulen hat flächendeckend WLAN – aber selbst das sagt noch nichts über die Stabilität und Geschwindigkeit der Verbindung aus. Um allen Schülerinnen und Schülern, unabhängig vom Elternhaus, Zugang zu digitalen Kompetenzen zu ermöglichen, sei eine zuverlässige Technik in der Schule sehr wichtig, so Diethelm. "Das WLAN muss in der Schule besser sein als zu Hause", fordert sie und wünscht sich in den Schulen zwei bis fünf Gigabit-Leitungen. Davon werden die meisten Schulen wahrscheinlich noch etwas länger träumen. 

Mehr Smartphones im Unterricht

Doch was hilft die passende Technik, wenn sie nicht im Unterricht angewendet wird? Drei Viertel der befragten Lehrenden gaben an, dass das Lehramtsstudium sie nicht genügend auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht vorbereitet. Das bestätigt auch Diethelm: "Ich kenne keine Universität, wo systematisch für alle Lehrkräfte der Umgang mit digitalen Medien im Studium verankert ist." Gerade das wäre wichtig, damit die Lehrenden die unterschiedlichen Geräte kennen und für ihre Fächer einzusetzen wissen. Zwar können sie in der Regel ihre eigenen Laptops bedienen. Aber das heißt nicht, dass sie wissen, wie man mit digitalen Whiteboards oder Tablets Unterricht sinnvoll gestaltet. Welche digitalen Medien am besten für welchen Unterricht sind, kann nur in der Praxis ausprobiert werden: "Ob ein Tablet ausreicht oder ob es doch ein Laptop sein sollte, das muss man von Fall zu Fall unterscheiden. Auch die Handys der Schüler zu nutzen, wäre ein erster guter Schritt. Die sind immer mit dabei und sind das Gerät, mit dem sich die Schüler am meisten auskennen", meint Diethelm. Leider sind gerade Smartphones an vielen Schulen immer noch verboten.

Neben der Weiterbildung für alle Lehrenden fordert Diethelm auch ein extra Fach Informatik, um Grundlagen zu legen und gleichzeitig eine integrierte Verankerung von Medienkompetenz. Denn nicht jeder Englisch-Lehrer hätte die Zeit und auch das Wissen, um Fragen wie: "Wieso gibt es eigentlich das Internet?" oder "Fallen die Daten aus dem USB-Stick, wenn ich die Klappe nicht wieder drauf mache?" ausreichend zu beantworten. In einem solchen Pflichtfach könnten dann neben der Bedienung der digitalen Medien auch theoretische Grundlagen (Wie funktioniert das Internet? Wie programmiere ich?) und gesellschaftlich-kulturelle Zusammenhänge (Wie entstehen Fake News? Was für Geschäftsmodelle gibt es im Internet?) erklärt werden.

Gründe für das Desaster

Doch wie konnte es zu der klaffenden Lücke zwischen digitaler Lebenswelt und Schulalltag kommen? Die Sonderstudie "Schule Digital" der Initiative D21 von 2016 nennt neben der mangelnden Geräteausstattung und der zu geringen Internetgeschwindigkeit noch weitere Hürden, die dem Einsatz digitaler Medien in den Schulen im Weg stehen. Offene Rechtsfragen beim Datenschutz oder Urheberrecht lassen viele Schulen zurückhaltend sein. Diethelm erzählt von einer Schule, die sich einen Highspeed-Internetanschluss mit 200 Mbit bei einem privaten Anbieter besorgt hatte, um ihren Schülern ein schnelles und stabiles Internet zu garantieren. Das hielt die Kommune für nicht sicher genug und verlegte für viel Geld ein eigenes Kabel. "Danach hatte die Schule einen 20 Mbit Anschluss, dafür eine sehr sichere Leitung", berichtet Diethelm.

Auch fehlt vielen Schulen eine professionelle technische Unterstützung. Nur bei einem Drittel der Schulen kümmert sich eine externe IT-Kraft um die Wartung der elektronischen Geräte. In den meisten Fällen (73 %) ist ein Lehrer oder eine Lehrerin dafür verantwortlich also genau die Gruppe, die angibt, dass sie sich nicht genügend ausgebildet für den Umgang mit digitalen Medien fühlt.
Zudem beklagen viele Lehrende die mangelnde fehlende politische Unterstützung seitens des Kultusministeriums. Der deutsche Föderalismus, der bewirkt, dass Bund und Länder für unterschiedliche Aufgaben zuständig sind, würde alle Vorgänge stark verlangsamen, erklärt Diethelm. So gibt der Bund über den Digitalpakt zwar Geld für die technische Ausstattung der Schulen, die Gebäude gehören aber der Kommune, die auch für das WLAN zuständig ist. Die Hoheit über die Lehrpläne haben wiederum die Länder, die auch die Lehrkräfte einstellen und fortbilden. "Da kann man ganz hervorragend Zuständigkeitsmikado spielen. Wer sich zuerst bewegt verliert", sagt Diethelm.

Die fünf Milliarden des Digitalpakts sind ein erster Anfang, um den digitalen Wandel an Deutschlands Schulen anzustoßen. Wirklich verändern werden sie allerdings nur etwas, wenn dauerhaft Gelder fließen und sich noch andere Bereiche, wie zum Beispiel die Weiterbildung für Lehrkräfte oder die Lehrpläne verändern. Es gibt also noch viel zu tun.


Digitalpakt ÜberblickDer Digitalpakt im Überblick

  • Der Digitalpakt wurde am 15. März 2019 beschlossen.
  • Schulen sollen überall auf schnelles Internet zugreifen können; entsprechend sollen Schülerinnen und Schülern mit Whiteboards oder Tablets zur Verfügung stehen.
  • Die Digitalisierung soll mit fünf Milliarden Euro gefördert werden.

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