10 Cloverfield Lane Bunker
Stress im Bunker: Szene aus "10 Cloverfield Lane" | Foto: Paramount Pictures Germany
Autorenbild

08. Aug 2016

Barbara Kotzulla

Zündstoff

Leben im Bunker: Kann man so nach einer Katastrophe überleben?

"10 Cloverfield Lane": Experten-Interview zum Film

Darum geht's in "10 Cloverfield Lane"

Als Michelle (Mary Elizabeth Winstead) nach einem schweren Autounfall wieder zu sich kommt, findet sie sich eingesperrt in einem unterirdischen Bunker wieder. Ihr Retter Howard (John Goodman) spricht von einer Katastrophe, welche die gesamte Menschheit ausgelöscht hat – und verwehrt Michelle sowie dem dritten Bunkerbewohner Emmett (John Gallagher Jr.) den Weg nach draußen. Doch stimmt diese Geschichte? Was ist erwartet sie an der Oberfläche?

Ebenfalls von J.J. Abrams ("Star Wars: Das Erwachen der Macht") produziert ist "10 Cloverfield Lane" ein indirekter Nachfolger des 2008er-Kinoerfolgs "Cloverfield". Zugunsten eines klaustrophopischen Kammerspiels wird nun aber auf die Wackelkamera-Optik verzichtet. Dabei schwebt über dem Film (Heimkinostart: 11.08.2016) vor allem die Frage: Wie würdest du in einer solchen Situation reagieren?


Interview mit Stress-Coach Volker Hepp

UNICUM: Auf welche Gefahren trifft man, wenn Menschen auf engstem Raum miteinander eingeschlossen sind?
Volker Hepp: Ich denke, dass die menschliche Psyche selbst die größte Gefahr darstellt. Hier sind die Menschen sehr individuell um das Grundmuster "fight, flight or freeze" (zu Deutsch: kämpfen, fliehen oder erstarren) gestrickt. Jeder Mensch wird anders mit einer solchen Situation fertig, d. h. der Körper sowie das innere Alarmsystem (Amygdala) reagieren unterschiedlich und die erlernten Verhaltensmuster variieren. Auch die Bindung zu anderen Menschen wird unterschiedlich erlebt und wie man damit umgeht, wenn es sprichwörtlich zu nahe/zu eng wird.

Welche Tipps würden Sie den Insassen geben, um ihren Aufenthalt erträglich zu machen?
Auch dies ist wieder sehr individuell geprägt. Wie geht der Mensch mit aufkommendem Stress und/oder Panik um? Hat man gelernt, sich selbst zu regulieren oder ist man dem hilflos ausgeliefert? Alte Traditionen wie Yoga oder Atemübungen können hier helfen. Auch Gespräche dienen der Selbstregulation – man teilt sich den anderen mit, damit kann auch die Angst kleiner werden. Ich persönlich würde hier vor allem auf der körperlichen Ebene ansetzen, siehe Yoga und Körperübungen.

So lässt man die Situation nicht eskalieren

Zwei Fremden vertrauen zu müssen, sich mit ihnen einen begrenzten Raum zu teilen und mit der Ungewissheit zu leben, dass die Stimmung jederzeit kippen kann, ist eine starke Belastung für den Menschen. Wie schätzen Sie dieses Szenario für die menschliche Psyche ein und wie geht man damit um?
Es ist sehr anstrengend. Je nachdem, welcher Stress-Typ man selbst ist und wie gut man sich in seiner Selbstregulation hat. Da geht es um langsame, schrittweise Annäherung an die anderen. Man gibt etwas preis und schaut, was von den anderen kommt. Das kann dann entweder zusammenschweißen oder auseinanderbringen und gegebenenfalls dazu führen, das Gegenüber besser einschätzen zu können. Ich werde einen anderen Menschen mit hundertprozentiger Sicherheit nie komplett durchschauen. Man selbst ist froh, wenn man sich wenigstens zu 60 Prozent selbst auf die Schliche kommt. Reden, sich ehrlich austauschen hilft auf jeden Fall. Alle anderen Tendenzen scheitern im Notfall und eskalieren.

Ausgehend davon, dass man frühzeitig gewarnt wird, was kann man in den Bunker mitnehmen, um die Überlebenschancen zu erhöhen?
Dinge, die einem gut tun, die einem Kraft schenken. Ressourcen, Talismane, bequeme Kleidung, Bücher, beruhigende Musik – alles Sachen, die man kennt und mit denen man positive Erfahrungen verbindet. Für den weiteren Verlauf des Eingeschlossen-Seins liefern sie die nötigen Erinnerungen an positive Ereignisse und somit auch die benötigte Energie.

Überschüssige Stress-Energie ableiten

Ein Katastrophen-Szenario hat oft auch die Folge, dass man nicht weiß, wann man den Bunker verlassen kann. Wie kann man mit dieser Belastung umgehen?
Man sollte die Dinge ändern, die man ändern kann und sich gegenüber den Dingen entspannen, die man nicht in der Hand hat. Wir haben keine hundertprozentige Kontrolle über uns und über unsere Umwelt. Hier hilft z. B. der Buddhismus. Ansonsten auch hier wieder Kommunikation mit den Bunker-Mitbewohnern, Selbstregulation und positives Denken.

Die Belastung nach der Katastrophe verschwindet nicht so schnell. Wie kann man nach einer solchen Bunkerbelastung am besten die Erfahrungen verarbeiten?
Das, was wir als Stress wahrnehmen, spielt sich meistens schon sehr viel früher in unserem Körper ab, bevor wir es kognitiv überhaupt bemerken. Zum Beispiel "weiche Knie" oder das Rumoren im Magen. Daher ist es nach einer solchen Extremsituation wichtig, sowohl die mentalen als auch körperlichen Auswirkungen zu behandeln, so dass die Menschen wieder in der Gegenwart, sprich nach der Gefahr ankommen können.

Eine Krisenintervention kann mit Gesprächen, aber auch körperlichen Interventionen aus der Körperpsychotherapie beide Aspekte berücksichtigen. Auch eine Traumatherapie, welche nicht nur kognitiv arbeitet, sondern auch auf den Körperstress Rücksicht nimmt, ist empfehlenswert. Hierbei gibt es verschiedene Ansätze, z. B. EMDR oder Somatic Experiencing, bei denen versucht wird, die überschüssige Stress-Energie im Körper sanft abzuleiten, so dass unser Nervensystem wieder ins Gleichgewicht kommt und nicht mehr überaktiviert ist.

Bei allen Ansätzen geht es darum, aus einem "Zuviel" wieder zu einem "Gerade richtig" zurückzukommen. Dahin, dass die Menschen die Situation wieder allein bewältigen können.


Das Kinoplakat von 10 Cloverfield LaneUNICUM Film-Tipp

10 Cloverfield Lane

Mystery-Thriller, USA 2016

Regie: Dan Trachtenberg

Darsteller u.a.: Mary Elizabeth Winstead, John Goodman, John Gallagher Jr.

Verleih: Paramount Pictures

Heimkinostart: 11. August 2016

Online bestellen (Amazon): 10 Cloverfield Lane

Artikel-Bewertung:

3.24 von 5 Sternen bei 107 Bewertungen.

Deine Meinung: