Piratenpartei
Das Internet ist ein großes Thema in der Piratenpartei | Foto: Thinkstock/pressureUA
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07. Feb 2012

Almut Steinecke

News

Piratenpartei: Was Schüler und Lehrer über die Partei denken

-ARCHIV-

Würdest du bei den nächsten Wahlen noch die Piratenpartei wählen?

Welche Ziele hat die Piratenpartei überhaupt?

"Wenn morgen Bundestagswahl wäre, würd' ich die Piratenpartei wählen. Die ist zwar in manchen Bereichen noch ziemlich planlos, aber wenn sie's nicht verbockt, hat sie das Potenzial, sich zu entwickeln." Das findet Jakob Kilian, Abiturient aus Welbhausen bei Würzburg. Ähnlich wie der 18-Jährige denken viele: Bei einer Forsa-Umfrage Ende 2011 zur damaligen Beliebtheitsquote von Parteien bei Bürgern kam die Piratenpartei auf zehn Prozent. Damit wäre sie im Bundestag: Wenn eine Partei mehr als fünf Prozent hat, ist sie drin. Aber: "Ich glaube, es gibt viele, die sie wählen, um überhaupt zu wählen oder weil sie nix anderes wählen wollen", meint Jakob. Angesichts der Welle, die sie auslöst, lohnt sich umso mehr ein Blick auf die Piratenpartei: Was hat sie für Ziele – was für Leute stehen hinter ihr?

Die Piratenpartei gibt es erst seit 2006, da hat sie sich in Berlin gegründet. Ihre Mitglieder sind jung, das Durchschnittsalter liegt bei 30. Der Vorsitzende der Partei ist 28 Jahre alt und heißt Sebastian Nerz. Die Piratenpartei hat auch eine Jugendorganisation, die 'Jungen Piraten'. Die Vorsitzende der Jungen Piraten ist erst 25 Jahre alt, heißt Julia Reda und studiert Politik und Publizistik in Mainz.

Die Partei versteht sich grundsätzlich als "Themenpartei", konzentriert sich also auf einbestimmtes Thema: das Internet. Jedoch versteht sie den Begriff "Themenpartei" auch nicht allzu starr, setzt sich zum Beispiel auch für Umwelt und Bildung ein. Eines der wichtigsten Themenfelder ist und bleibt aber vorerst die Netzwelt. So will die Piratenpartei im Internet etwa das Urheberrecht verändern, das das freie Kopieren von autorisiertem, geistigem Gedankengut verbietet. Von Inhalten also, bei denen laut derzeit herrschender gesetzlicher Bestimmungen alleine der Autor oder der Urheber des Inhaltes bestimmen darf, wie sein Werk verbreitet wird – die Rechte liegen alleine bei ihm. Die Piraten finden diese Begrenzung nicht mehr zeitgemäß.

Das Internet als politischer Raum

"Kopien dieser Art", sagt Julia Reda von den Jungen Piraten, "dienen der Verbreitung und Anreicherung von Wissen und Kultur. Und sie sind doch okay, solange man keinen geschäftlichen Handel damit betreibt, die Inhalte also nicht weiterverkauft, um damit Geld zu machen." Auch das Patentrecht soll auf Wunsch der Piraten gelockert werden, "das", sagt Reda, "kann man so zusammenfassen": Ein Erfinder soll nicht mehr das alleinige Recht auf seine neue Erfindung haben, sondern man soll diese neue Erfindung direkt frei kopieren dürfen, damit sie sich schneller verbreitet in der Welt.

In einer Zeit, in der es vor allem für Jugendliche, die mit dem Internet aufgewachsen sind- die 'digital natives' - völlig normal ist, jede noch so kleinste Info allein über Facebook zu teilen, sind die Piraten ganz weit vorne, meint Dr. Christoph Bieber, 41, Politikwissenschaftler aus Duisburg. "Ähnlich wie die Grünen mit ihrer Fokussierung auf Umweltpolitik Anfang der 80er, greifen die Piraten eine wichtige gesellschaftliche Strömung auf und setzen neue Akzente. Sie erschließen das Internet als politischen Raum und tragen dazu bei, Netzpolitik salonfähig zu machen", sagt Bieber. "Das ist ein Potenzial, das die anderen Parteien bisher nicht erkannt haben."

Eine Kombi aus Abenteuer und Anderssein

Überdies umwehe die Piraten etwas "Anti-Parteienhaftes": eine Kombi aus Abenteuer und Anderssein, die sich in den Augen vorallem Jugendlicher wohltuend abgrenze von sonstiger politischer Schlipsträger-Steifheit. Da kommen die Ideen der Piraten vor allem bei Jüngeren an. Milan Erdmann, 17, Schüler der 11. Klasse am Gymnasium "Graf-Engelbert-Schule" in Bochum zum Beispiel, findet es gut, dass die Piratenpartei gegen die Vorratsspeicherung persönlicher Daten ist: "Weil einfach nicht sicher ist, was der Staat damit anstellt". Gut findet er auch, dass die Piraten dafür sind, dass in akzeptable Inhalte im Netz nicht nur gesperrt, sondern gelöscht werden. "Die fatalen Urheber kriegt man alleine durch Sperren nicht aus dem Netz", sagt Milan.

Auch ältere Menschen zeigen sich angetan von der Piratenpartei. Zum Beispiel Ulrich Wiegand, 56 Jahre, Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften am Gymnasium "Schiller-Schule" in Bochum. "Bei ihrem letzten Parteitag in Offenbach haben die Piraten ihre Mitglieder kurz vorher befragt, worüber sie beim Parteitag sprechen wollen", sagt Wiegand. "Das ist ein neues Verständnis von Basisdemokratie – quasi Basisdemokratie mit Twitter-Geschwindigkeit."

Doch nur heiße Luft, nix dahinter?

Natürlich gibt es aber Menschen, auch Jugendliche, die finden die Piraten nicht so super. Jens Hellinghausen aus Wattenscheid im Ruhrgebiet zum Beispiel. Der 17-Jährige sitzt im Sowi-Leistungskurs von Lehrer Wiegand in der 12. Klasse der Schiller-Schule in Bochum und hält nichts von der Reform des Urheber- oder Patentrechts. "Das Patentrecht schürt den Konkurrenzkampf, das ist ein wichtiger Ansporn für die Wirtschaft – nur so werden immer weiter immer neue, immer bessere Ideen entwickelt", glaubt Jens.

Die Piraten sind in seinen Augen eine "Trendpartei", heiße Luft, nix dahinter, "sie bedient einen allgemeinen Wunsch nach Veränderung, Umschwung, dadurch springt man auf ihren Zug auf." Dabei stellt sich die Frage, wie lange eine Trendpartei diese hohen Umfragewerte halten kann.

Eine reine "Dagegen-Partei"?

Auch Johanna Stowermann, Schülerin aus Stadtlohn im Münsterland, ist nicht überzeugt. Die Piratenpartei mit ihrem Slogan "Klarmachen zum Ändern" kommt ihr zum einen wie eine reine "Dagegen-Partei" vor, zum anderen hat sie konkrete Kritikpunkte. Zum Beispiel "durch freies Kopieren, wie die Piraten es fordern, würde man Künstlern ihren Lebensverdienst nehmen", sagt Johanna.

Kritik übt sie aber vor allem an der Forderung der Piraten, das Gymnasium abzuschaffen und eine Einheitsschule einzuführen. "Es ist wichtig, Schüler nach individueller Begabung zu fördern. Eine Einheitsschule respektiert die individuellen Begabungen nicht und trägt ideologische Gleichmacherei auf dem Rücken der Schüler aus." Johanna ist froh, dass sie das Niveau, von dem sie spricht, bald schwarz auf weiß hat: Die 19-Jährige steckt mitten im Abi-Stress. So dürfte sie gerade kaum Zeit für ihren sonstigen Einsatz haben: Neben der Schule engagiert sie sich als Landesvorsitzende der Schüler-Union NRW und bei der "Jungen Union" der CDU.

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