Digitales Abitur
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12. Jul 2013

Janina Finkemeyer

News

Digitales Abitur: Tschüss Papier und hallo Tablet

-ARCHIV-

Schüler des Privatgymnasiums Schloss Neubeuern schreiben erstes Abitur erfolgreich am Tablet

Reibungsloser Ablauf beim ersten Abitur auf Tablets

30 Abiturienten schrieben ihre Prüfungen nicht mit Tinte auf Papier, sondern mithilfe eines digitalen Eingabestifts auf einem Tablet-PC. Trotz großer Sorgen des zuständigen Ministeriums, in punkto Sicherheit und Datensicherung, hat der erste Durchlauf des digitalen Abiturs super funktioniert. "Das ganze Abitur ist technisch völlig problemlos abgelaufen", resümiert Internatsleiter Jörg Müller. Für Schüler und Lehrer des Privatgymnasiums war dies keine Überraschung. Schon seit 2009 arbeiten sie ausschließlich digital. Ab der neunten Klasse hat jeder Schüler sein eigenes Tablet. In den unteren Klassenstufen wird "zur didaktischen Bereicherung" nur gelegentlich digital gearbeitet. "Ein flächendeckender Einsatz wäre für diese Altersgruppen zu früh", erklärt Müller.

Digitaler Unterricht

Für die älteren Schüler ist das Tablet das zentrale Arbeitsmittel und immer dabei. Unterrichtsmaterialien, Hausaufgaben und Notizen sind auf dem PC gespeichert. Im Klassenraum meldet sich jeder mit seinem Tablet an und ist dann Teil einer pädagogischen Umgebung. Der Lehrer sieht auf seinem Computer, welcher Schüler wo sitzt, angemeldet ist und was auf den jeweiligen Bildschirmen passiert. Er kann entscheiden, welche Software er freigibt oder auch die Internetverbindung sperren, um so wenig Ablenkungspotenzial wie möglich zu schaffen. Außerdem kann er Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellen, bearbeitete Aufgaben einsammeln, digital korrigieren und zurückgeben. Wenn mit Schulbüchern gearbeitet wird, müssen diese jedoch nach wie vor in gedruckter Form vorliegen. Digitale Versionen sind noch nicht verfügbar.

Ein großer Vorteil zum herkömmlichen Unterricht ist, dass alle Materialien stets geordnet und vollzählig auffindbar sind. Es gibt keine losen Zettel, die einfach irgendwo rumfliegen oder auf mysteriöse Art und Weise verschwinden. Auch verschmierte Tinte und dadurch unbrauchbare Aufzeichnungen gehören der Vergangenheit an. Alle Unterlagen sind mehrfach gespeichert, sodass es keinen Datenverlust bei Problemen mit dem Tablet gibt. Wenn die Schüler sich zum Beispiel auf das Abitur vorbereiten, können sie auf ihrem Tablet einfach einen Begriff eingeben und ein Programm spuckt dann alle passenden Informationen dazu aus. Und zwar von der neunten bis zur zwölften Klasse.

Auch handschriftlich verfasste Dokumente können mit der Methode durchsucht werden. Denn immer mit der Tastatur schreiben, müssen die Schüler von Schloss Neubeuern nicht zwangsläufig. Mit einem digitalen Eingabestift können sie auch Texte mit Hand verfassen. Aufgrund der "notwendigen Vergleichbarkeit" war die Verwendung von Tastaturen im Abitur sogar komplett verboten. Schreiben mit der Tastatur geht schneller und das wäre anderen Schülern gegenüber nicht fair gewesen.

Verbesserungswünsche für die kommenden Jahrgänge

Internatsleiter Müller möchte seinen Schülern trotzdem das Schreiben mit der Tastatur im Abitur ermöglichen. "Wir möchten die Wahl anbieten. Für die Schüler, die mit Tastatur arbeiten wollen, sollte sich die Arbeitszeit verkürzen, um einen Vorteilsausgleich einzuführen. Ich bin sicher, dass die absolute Mehrheit unserer Schüler die Arbeit mit der Tastatur vorziehen würde. Sie sind es aus dem Unterricht einfach so gewohnt."

Alles läuft aber auch in Neubeuern noch nicht digital. Schulbücher gibt es zum Beispiel nur in gedruckter Form und auch die mündliche Abiturprüfung musste ohne Technik auskommen. Nur ein Overheadprojektor wurde verwendet. Im nächsten Abiturjahr soll sich dies aber ändern. Damit die Abiturienten im Prüfungsraum ihre Aufzeichnungen direkt an die Wand projizieren können, sollen sie für die Vorbereitung ihre Computer nutzen dürfen. Ein Vorteil gegenüber der Verwendung von Folien und Projektoren sieht Müller nicht: "Das ist für die Schüler eher etwas befremdlich, deswegen sollen sie ihre gewohnten Arbeitsmaterialien zur Verfügung haben."

Auch die Aufgabenblätter für die schriftlichen Prüfungen wurden 2013 ganz altmodisch in Papierform vorgelegt. Jede Schule erhält die Aufgaben in verschlossenen Umschlägen und darf diese erst am Tag der Klausur öffnen. Eine Erlaubnis zur Digitalisierung durch die Schule gibt es nicht. Für die Korrektur mussten alle Arbeiten ausgedruckt werden, um sie anschließend zu archivieren. So schreiben es die Ministerien vor.

Schule muss sich verändern

Der Weg zu einem komplett digitalen Abitur ist noch lang. "2013 war ein vorsichtiger Schritt in die richtige Richtung", betont der Internatsleiter. "Das was wir schon jetzt im Unterricht machen, geht viel weiter." Da der erste Durchlauf aber so problemlos über die Bühne ging, hofft Müller auf offene Ohren des Kultusministeriums, damit das nächste Abitur noch digitaler stattfinden kann. Die Möglichkeiten werden noch nicht genügend ausgereizt. Seitdem 2009 ein neues Zeitalter am Internat angebrochen ist, haben Schüler und Lehrer die Technik so stark in ihren Alltag integriert, dass es nichts Besonderes mehr ist. Am Anfang hatten viele Angst, dass es zu technischen Ausfällen kommt oder das ständige Arbeiten am Bildschirm nicht funktioniert. Bewahrheitet hat sich das aber nicht. Falls es doch mal ein Problem gibt, helfen IT-Spezialisten der Schule bei der Bewältigung.

"Wir haben es in den letzten vier Jahren geschafft, die Technik unsichtbar zu machen, sodass die ganzen Möglichkeiten für uns gar keinen Sensationscharakter mehr haben. Jetzt kommt der spannende Teil, indem wir Unterricht ganz neu gestalten wollen.", erzählt Müller voller Stolz. Für alle Schüler die 2013 in die neunte Klasse kommen, hat das Internat ein ganz neues Konzept entwickelt. Die Idee ist, dass die Schüler sich den gesamten Stoff in Eigenregie nach der Schule beibringen und dann im Unterricht zusammen üben. Es gibt einen festen Zeitplan, indem bestimmte Themen behandelt werden. Dafür teilen die Lehrer den Stoff eines Schuljahres in Lernbausteine auf. Sie stellen Materialien zusammen und zeichnen Videos zu einzelnen Gebieten auf, die die Schüler sich beliebig oft und wann sie möchten anschauen können.

In regelmäßigen Abständen wird das Gelernte in Tests überprüft. Wer einen Test nicht besteht, muss ihn direkt wiederholen, sonst kann er nicht zum nächsten Lernbaustein vorrücken. Damit die Lernzeit nach dem Unterricht nicht zu sehr in die Höhe steigt, gibt es pro Tag zwei Unterrichtsstunden, in denen sich die Schüler alleine mit dem Stoff beschäftigen sollen. "Wir nennen die Stunden Lernbüro. In drei Räumen sitzt jeweils ein anderer Fachlehrer, der den Schülern bei Bedarf zur Seite steht. Am Tag vorher können die Schüler sich überlegen, mit welchen Fach sie sich beschäftigen wollen und sich dann digital in das Büro mit dem passenden Lehrer einwählen."

Digitales Abitur nur mit gut gefülltem Konto machbar

Mindestens einmal im Jahr veranstaltet Schloss Neubeuern einen Kongress für Lehrer. Zwei Tage lang gibt es Vorlesungen und Seminare, in denen das Internat zeigt, was in der digitalen Welt alles machbar ist. Für staatliche Schulen ist es jedoch sehr schwer, die vielfältigen Möglichkeiten wirklich zu nutzen. Viele Schulen und Lehrer sind laut Jörg Müller nicht offen genug. "Sie haben keine Lust auf solche Veränderungen, weil sie viel Arbeit machen und das Rollenverständnis komplett ändern. Der Lehrer muss sich aber mittelfristig von seinem Dozentenstatus verabschieden und zum Lerncoach und Lernbegleiter werden. Es gibt tolle Lehrer an Gymnasien, die tollen Unterricht mit neuen Methoden machen. Aber sie tun es immer aus eigener Initiative. Es bleibt isoliert und deswegen natürlich wenig wirksam."

Aber auch an der Politik scheitert es oftmals. Uneinigkeit und viel zu wenig Geld machen eine Umstellung fast unmöglich. In der Hinsicht hat das private Gymnasium keine Probleme. Durch die Schulgebühr ist die finanzielle Situation sehr gut, denn Unterricht in Neubeuern ist teuer. Tagesschüler zahlen monatlich 1.200, Internatsschüler 2.750 Euro (Stand: Schuljahr 2012/13). Diese Summe können meist nur die Topverdiener für ihre Kinder aufbringen, weshalb die schulischen Möglichkeiten der digitalen Welt für die breite Masse wohl noch längere Zeit unerreichbar bleiben.

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