Circus Proscho
Der Circus Proscho, die Heimat von Artistin und Abiturientin Leslie Maatz | Foto: Privat
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03. Sep 2012

Janina Finkemeyer

News

Abi trotz Alltag im Circus

-ARCHIV-

Leslie Maatz vom Circus Proscho über ihren Weg zum Abitur

Jede Woche in eine andere Schule

Seit sie laufen kann, tritt Leslie im Circus Proscho auf und begeistert die Zuschauer mit Kautschuk-Equilibristik, russischer Lyra und einer Fakir-Show. Außerdem arbeitet sie im Zirkus an Schulprojekten mit, in denen Grundschüler für eine Woche Zirkusluft schnuppern und kleine Kunststücke lernen können.

Ihre eigene Grundschulzeit verbrachte sie jede Woche in einer anderen Schule. Durch das Projekt "Schule für Circuskinder in NRW", hatte der ständige Schulwechsel ab der fünften Klasse ein Ende. Bis zu ihrem Realschulabschluss kam eine Lehrerin zum Zirkus und unterrichte Leslie. Anschließend machte die Artistin in einem Online-Lehrgang des Westfalen-Kollegs Dortmund ihr Abitur.

Zwischen Manege und Klassenzimmer

UNICUM: Du verbiegst dich bei deinen Auftritten so, dass es schon beim Zuschauen wehtut...
Leslie Maatz: Ich habe schon mit fünf Jahren eine Akrobatik-Ausbildung bekommen. Zwei mongolische Staatsartisten waren bei uns im Zirkus und haben mir die Kautschuk-Equilibristik beigebracht. In dem Alter sind die Wirbelknochen noch weich und lassen sich durch gezieltes Training etwas abrunden. Es gibt dann keine Sperre mehr, wenn man sich nach hinten biegt. Deswegen kann ich mich heute ohne Schmerzen so gut verbiegen und als Schlangenmädchen auftreten.

Du bist schon als Kind viel mit dem Circus Proscho gereist – wie sah eine typische Schulwoche bei dir aus?
Ich war montags zur ersten Stunde da, konnte aber erst zur dritten Stunde in den Unterricht. Zuerst standen Formalitäten und Gespräche im Sekretariat auf dem Programm. In der Klasse angekommen, gab es dann skeptische Blicke von den Mitschülern und ich gucke erstmal zu. Dienstags wurde ich dann von den Lehrern in die Mitte gestellt, durfte erzählen, Fragen beantworten und Kunststücke aufführen. Mittwochs und Donnerstags gab es in der Regel normalen Unterricht und am Freitag dann schon die Verabschiedung. In der nächsten Woche ging das Spiel dann woanders wieder von vorne los.

Du hast doch bestimmt viel Lernstoff verpasst oder einiges doppelt gelernt.
Im ersten Schuljahr habe ich irgendwann zum sechsten Mal das "E" gelernt, hatte aber noch nie das "H" gesehen. Deswegen hat sich meine Mutter von unserem Bereichslehrer, den es für alle Zirkuskinder gibt und der gelegentlich kontrolliert, ob alles gut läuft, Mappen geben lassen und mit mir Zuhause gebüffelt. Ihr war wichtiger, dass ich diese Mappen ordentlich durcharbeite, als für die Grundschulen Bilder auszumalen.

Von Lehrern und Mitschülern schlecht behandelt

Also viel Arbeit Zuhause und viel sinnlose Zeit in den verschiedenen Grundschulen?
Die Zeit in den Grundschulen war komplett sinnlos. Deswegen gehen auch so viele ZirKuskinder direkt von der Schule ab, wenn sie ihre Pflichtschuljahre absolviert haben. Man lernt wenig und wird von Lehrern und Mitschülern oft schlecht behandelt. In der weiterführenden Schule ist es noch schlimmer als in der Grundschule. Da bist du dann immer der Zigeuner oder die Asoziale.

Dann warst du also sehr froh über die "Schule für Circuskinder in NRW"?
Endlich gab es keine blöden Kommentare, kein Absitzen der Zeit und unzählige Unterrichtsmaterialien mehr. Am Ende meiner Grundschulzeit hatte ich zum Beispiel 20 verschiedene Deutschbücher, da kann man als Kind ja nur den Überblick verlieren.

Wie lief dein Schulalltag dann in der Circusschule ab?
Drei Mal pro Woche kam meine Lehrerin für einen halben Tag in den Zirkus. In einem umgebauten Wohnwagen fand der Unterricht für alle Zirkuskinder statt. Da wir alle in anderen Klassen waren, hat jeder Schüler die Themen allein erklärt bekommen und musste dann Aufgaben dazu bearbeiten. Die Lehrerin konnte so immer zwischen uns Schülern wechseln. Auch Klassenarbeiten schreiben alle parallel. Dabei spielt es keine Rolle, wer in welchem Fach schreibt.

Fällt die Konzentration da nicht sehr schwer?
Jeder weiß, dass er Rücksicht nehmen muss. Man gewöhnt sich schnell daran, dass im Hintergrund über Matheformeln gesprochen wird, während man selbst gerade einen Aufsatz schreibt. Am Ende meiner Schulzeit hätten wir jedoch zu acht im Schulwagen gesessen und haben uns deshalb aufgeteilt. Die Grundschüler hatten dann morgens Unterricht und die Älteren nachmittags.

Weniger Unterricht, dafür intensiveres Lernen

Gibt es in der Zirkusschule mehr Hausaufgaben, um die geringe Stundenanzahl zu reduzieren?
Von der Stundenzahl haben wir zwar weniger Unterricht als andere Schüler, aber er ist viel intensiver. In meinem Jahrgang gab es nur mich und alles war auf mich abgestimmt. Sobald ich in einem Thema fit war, haben wir einfach das nächste gemacht. Den kompletten Mathestoff der letzten zwei Schuljahre habe ich zum Beispiel in sechs Monaten geschafft.

Weil der Unterricht sehr intensiv ist, gibt es nicht unbedingt mehr Hausaufgaben. Für die Älteren findet aber zusätzlich Online-Unterricht statt, um den Lernstoff zu vertiefen. In einem virtuellen Klassenzimmer werden einmal wöchentlich Aufgaben besprochen und Fragen geklärt.

Das Online-Lernen am Westfalen-Kolleg war dann nicht komplett neu für dich.
Deswegen hat das vielleicht auch von Anfang an so gut geklappt mit dem Abi. Aber auch die Lehrer haben mir den Einstieg sehr einfach gemacht. Im ersten Halbjahr gab es nur wenig Hausaufgaben und man konnte sich langsam an alles gewöhnen. Ab dem zweiten Halbjahr wurde es dann mehr und zum Schluss, wusste ich nicht mehr wohin mit den ganzen Aufgaben. Aber das ist wohl bei jedem Schüler vor dem Abi so.

Wie war dein Abitur organisiert?
Alle zwei Wochen gab es einen Präsenztag in Dortmund. Da hatte ich von zehn bis 19.30 Uhr Schule. Zweimal wöchentlich gab es für ungefähr ein bis zwei Stunden Online-Unterricht. Wir Schüler konnten auf den Computer des Lehrers zugreifen und dort gemeinsam an den Fragestellungen arbeiten. Fast wie im richtigen Klassenzimmer, nur dass man bei sich Zuhause im Wohnwagen saß und die anderen nicht gesehen hat.

Hat deine Familie dir während der Zeit mehr Freiräume gegeben?
Auf jeden Fall. Jedes "Circus Proscho"-Mitglied hat seine festen Aufgaben in der Projektarbeit, die wir mit Grundschulen veranstalten. Während der Präsenztage in Dortmund, mussten meine Aufgaben dann natürlich anders verteilt werden. Aber das hat gut funktioniert und ich konnte immer auf meine Familie zählen. Sie haben gesagt, dass ich die drei Jahre bis zum Abi durchziehen soll, und dann eben drei Jahre wieder richtig ran muss.

Nach dem Abi soll ein Studium folgen

Deine Auftritte und das Training musstest du trotzdem machen...
Bei mir heißt Training nicht, dass ich mal eben etwas ausprobiere und dann ist Schluss. Es gibt immer eine Stunde Vorbereitungszeit und wenn ich mich an einer Sache festgebissen habe, kann das auch mal in die nächtlichen Stunden gehen. Wenn ich morgens ausgeschlafen sein musste, war das natürlich nicht drin. Trotzdem musste ich darauf achten, mir Zeit für das Training zu nehmen, um meinen Körper fit zu halten. Das ist bei meinen Nummern schließlich das A und O.

Hattest du bei der Doppelbelastung überhaupt noch Freizeit?
Relativ wenig. Ich hatte vormittags die Zirkusarbeit, nachmittags musste ich lernen und wenn ich Pech hatte, gabs abends Online-Unterricht. Es stimmt zwar nicht, dass ich keine Freizeit hatte, aber die freie Zeit war eingeschränkt.

Womit hast du deine kostbare freie Zeit am liebsten verbracht?
Lesen. Am liebsten Thriller die richtig schön unter die Haut gehen. Als das Abitur geschafft war, bin ich zuerst in eine Buchhandlung gegangen, habe zehn Bücher gekauft und vier gleichzeitig angefangen. Ich musste schließlich aufholen, was ich in der Abizeit verpasst hatte.

Willst du dir den ganzen Stress nochmal antun und irgendwann studieren?
Ich habe es vor, aber nicht sofort. In den letzten Monaten und Jahren habe ich so viel unter einen Hut bekommen, dass ich erstmal ein halbes Jahre Abstand von der Schule brauche. Dann schaue ich, welches Studium in Frage kommt und was ich zeitlich schaffen kann. Es soll natürlich auch etwas sein, was mir im Zirkus weiterhilft. Pädagogik vielleicht, weil ich ja viel mit Kindern zu tun habe. Aber das allein wäre mir eventuell schon wieder zu langweilig. Oder ich mache was mit Eventmanagement und helfe meinem Vater. Der hat nämlich auch noch eine Zeltvermietung und dann könnte ich direkt die Events für ihn organisieren.


Mehr zu Leslie Maatz

Leslie Maatz steht seit ihrem ersten Lebensjahr steht sie in der Manege und begeistert das Publikum mit ihren Paradedisziplinen Kautschuk-Equilibristik und "Russische Lyra". Im Juni 2012 hat sie als eines der ersten Zirkuskinder Deutschlands ihr Abitur bestanden – mit einem Notendurchschnitt von 1,9! Nach einer Auszeit von der Schule soll ein Studium folgen. Welche Richtung es wird, steht nicht genau fest. Aber ein Fernstudium soll es sein: vielleicht Pädagogik oder Eventmanagement.

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 29. Jun 2016 um 23:38 Uhr von Lothar Maatz
Hallo Leslie, Du warst ein kleines Kind, als ich dich kennen lernte. Ich bin von deiner Entwicklung sehr überrascht, welche Du genommen hast und gratuliere Dir. Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute. Lothar Maatz