karriere als filmemacher
Als Filmemacher/in ist das Drehen nur eine von vielen Arbeitsaufgaben. | Foto: Jakob Owens/Unsplash
Autor

19. Apr 2018

Sabine Neumann

Studium

Wie wird man eigentlich... Filmemacher/in?

Dr. Rita Knobel-Ulrich im Interview

"Nach einer Absage nicht aufgeben"

UNICUM: Wie hast du eigentlich angefangen?
Dr. Rita Knobel-Ulrich: Ich wollte schon immer Journalistin werden, aber mit einem soliden Fachwissen nach einem Universitätsstudium. Mich interessierte Russland, und so habe ich Slawistik, Politikwissenschaft und Geschichte studiert. In einem Studium lernt man, Quellen kritisch zu hinterfragen, sich systematisch Wissen anzueignen. All das ist für den Beruf des Journalisten unerlässlich. Das Studium war auch später nützlich. Ich habe viele Hörfunk- und Fernsehbeiträge über Russland gemacht. Die Kenntnis des Landes und der Sprache haben natürlich geholfen und ich brenne immer noch für dieses Land.

Wie bist du Autorin und Filmemacherin geworden?
Während meines Studiums habe ich schon Kontakte zu Zeitungen und dem Hörfunk geknüpft und kleine Berichte abgeliefert. Das hat natürlich nicht immer auf Anhieb sofort geklappt, aber ich habe mich nicht entmutigen lassen. Das ist sehr wichtig: selbst nach einer Absage nicht aufgeben und es weiter, dann vielleicht in einer anderen Redaktion,  zu versuchen. Später habe ich mich dann entschieden, auch für das Fernsehen zu arbeiten. Diese Arbeit ist allerdings sehr viel aufwendiger.

Recherchieren, anbieten, planen

Wieso aufwendiger?
Fernsehen ist teuer, da man zur Realisierung ein Kamerateam, nach Drehende einen Cutter, einen Schnittplatz und ein Tonstudio braucht. Bevor ein Auftrag erteilt wird, verlangen die Sender ein Expose, oft auch ein Treatment, aus dem genau hervorgeht, wie der Film aussehen soll. Ich recherchiere also im Vorfeld und biete dann Redaktionen ein Thema an, von dem ich selbst überzeugt bin und das mich interessiert. Bekomme ich dann "grünes Licht“, werden die Kosten kalkuliert, denn die Sender haben nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung. Davon müssen die Honorare des Teams und die Schnittkosten, natürlich auch die Reisen und die Unterbringung bezahlt werden. Das muss alles organisiert und abgestimmt werden. Auch das gehört zum Beruf dazu.

Wie ging es für dich beruflich weiter?
Ich hatte zwischenzeitlich eine feste Stelle bei einem öffentlich-rechtlichen Sender. Das bietet natürlich Sicherheit, aber damit ist auch sehr viel administrative Arbeit am Schreibtisch verbunden. Für mich kam die Arbeit des Reporters und Filmemachers zu kurz. Ich arbeite gern draußen, bin neugierig auf Menschen und immer wieder an neuen Themen interessiert. Seit über 30 Jahren bin ich jetzt als Filmemacherin selbstständig.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Wenn ich den Auftrag eines TV Senders bekommen habe, beginnt die Planung des Drehs. Protagonisten müssen gefunden, die Reise organisiert, das Team, also Kameramann und Tonkollege, gebucht werden, zwischendurch muss auch immer wieder der Dreh mit der Redaktion abgestimmt werden. Bei Reisereportagen muss das Wetter mitspielen; man muss flexibel sein, falls Interviewpartner doch noch in letzter Sekunde ausfallen oder krank werden oder ein Streik die Anreise verhindert. Und man sollte unbedingt im Kopf haben, wie man sich den Film vorstellt, damit zielgerichtet gedreht werden kann. 

filmemacherin rita knobel-ulrich jordanien

Absprache ist das A und O

Musst du zu Hause noch nacharbeiten?

Natürlich. Aus dem gedrehten Rohmaterial soll ja ein Film entstehen. Das Material muss also am Schnittplatz zusammen mit einem Cutter gesichtet und entschieden werden, was davon in den Film endgültig einfließen soll. Dann wird der Film vom Cutter zusammen mit mir, also nach meinen Vorgaben, geschnitten. Danach kommt die sogenannte Rohschnittabnahme durch die Redaktion. An diesem Punkt werden oft noch Bilder umgestellt, Szenen verlängert oder gekürzt, Interviews anders geschnitten oder – auch das kommt vor - sie fallen gänzlich raus. Steht das Bild, wird der Film vertont und eventuell noch Musik ausgesucht. Ich schreibe einen Text, der ebenfalls von der Redaktion, bei heiklen Themen auch noch von einem Justitiar abgenommen wird. Das ist die sogenannte Textabnahme.

Was ist für dich spannend, also eine Herausforderung in deinem Arbeitsalltag?
Es ist immer wieder auf- und anregend, sich mit einem neuen Thema auseinander zu setzen, sich das Thema zu erarbeiten und zu überlegen, wie man es möglichst klar im vorgegebenen Sendeformat von 30, 45 oder 90 Minuten umsetzt. Man muss einen Sender finden, der das Thema ebenfalls interessant findet und natürlich die richtigen Protagonisten. Nicht jeder will vor die Kamera und sich, z.B. über Schwarzarbeit oder Hartz IV, äußern. Da muss ich oft lange und geduldig auf die Suche gehen.

Welches Erlebnis ist dir in besonders guter Erinnerung geblieben?
Vor vielen Jahren habe ich einen Film über eine Familie mit 15 Kindern gemacht. Eines der Kinder hatte mir von seinem Traum erzählt: einmal in einem Ferrari fahren. Nach der Ausstrahlung meines Filmes kam der Besitzer eines roten Flitzers zu der Familie und lud den Junge zu einer Spritztour ein. Oder ich treffe einen Flüchtling, der an der Bürokratie verzweifelt. Nach der Ausstrahlung eines Films kommt dann doch auf einmal Bewegung in die Sache, und ich merke: Öffentlichkeit hilft.

Welche aktuellen Projekte hast du gerade in Arbeit?
Ende April strahlt der NDR meinen Film über die Russlanddeutschen von Cloppenburg aus. Das ist die kinderreichste Stadt in Deutschland, und der Film läuft unter dem Titel "Gottesfürchtig und kinderreich“. Für den SWR arbeite ich gerade an dem Thema "Rente“: Ist der Ruhestand wie ein immerwährender Urlaub oder fürchten sich manche Menschen davor, in ein tiefes Loch zu fallen? Kann man sich auf Rente vorbereiten? Das soll eine Langzeitbetrachtung über ein ganzes Jahr hinweg werden.


Zur Person: Filmemacherin Dr. Rita Knobel-Ulrich

filmemacherin knobel-ulrich

Dr. Rita Knobel-Ulrich studierte Slawistik, Politikwissenschaften und Geschichte in Hamburg. Als freie Journalistin war sie erst für den NDR Hörfunk, den Deutschlandfunk, weitere ARD Anstalten, sowie für das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt und die Frankfurter Rundschau tätig. Seit 1987 arbeitet die promovierte Philologin als selbstständige Filmemacherin und Autorin für verschiedene ARD-Anstalten: den NDR, SWR, HR, WDR, die Deutsche Welle und das ZDF.

Ihre Reportagen und Dokumentationen dreht sie nicht nur in Deutschland, sondern in allen Teilen der Welt, z.B. in Russland, China, dem Jemen, Jordanien, dem Iran, Libyen, in Südafrika, und dem Kongo, in Ägypten, Simbabwe, Kasachstan, Usbekistan, den USA und Kanada. 

Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet.


Kurz & Kompakt: Karriere als Filmemacher/in

Einen direkten Ausbildungsweg als Filmemacher/in gibt es leider nicht. Empfehlenswert wäre z.B. ein Studium zum Kameramann oder Regisseur, um einen Einstieg zu bekommen. Diese Studiengänge gibt es an Hochschulen (Hochschule für Film und Fernsehen München) oder aber auch an Filmakademien (Filmakademie Baden-Württemberg) und dauert in der Regel 6 bis 8 Semester.

Man kann auch ein Volontariat an einer Fernsehanstalt machen und sich dann über kürzere Formate im Nachrichtenbereich zum Langformat, also zu Dokus und Reportagen vorarbeiten. In der Regel wird ein Studium vorausgesetzt. Philosophen, Politikwissenschaftler, Germanisten, Literaturwissenschaftler, Juristen, Volkswirte, sogar Mediziner können Filmemacher werden. Wichtig sind gute Ideen für eine filmische Umsetzung, Belastbarkeit im Job, Teamfähigkeit und Flexibilität, denn einen geregelten Arbeitsalltag gibt es nicht.

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