Studienfinanzierung
Stipendien sind nur etwas für Einser-Kandidaten? Stimmt nicht! | Foto: Thinkstock/Melpomenem
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20. Jun 2016

Ann-Christin Kieter

Studium

Studienfinanzierung: Der Klischee-Check

Vier große Mythen in Sachen Kohle

Klischee #1: Stipendien sind nur was für Überflieger

Vergiss diese Einstellung! "Etwa 40 Prozent der Stipendiengeber geht es nicht primär um Noten und Leistung", sagt Dr. Mira Maier, Gründerin des Portals mystipendium.de, das derzeit ca. 2300 Programme listet. Darunter z.B. auch welche für Leute, die im selben Ort geboren sind wie der Stifter. Die Förderbeträge fangen bei 50 Euro einmalig an und hören bei 60.000 Euro für ein Vollstipendium über die gesamte Studiendauer auf.

Maier ruft selbst Programme abseits der klassischen Elite-Förderung ins Leben. "Wir haben unter anderem welche für Durchschnitts-Studenten oder für Leute mit einem außergewöhnlichen Lebenslauf." Die bekannten Begabtenförderungswerke stellen rund ein Viertel aller Stipendienplätze zur Verfügung. Dort liege die Erfolgschance laut einer aktuellen Studie bei etwa 10 Prozent, insgesamt ist sie aber deutlich höher: 41 Prozent.


Klischee #2: BAföG bekomm ich nicht, weil meine Eltern zu viel verdienen

Es stimmt, dass das Bundesausbildungsförderungsgesetz unter Anrechnung des Elterneinkommens gewährt wird. Das bedeutet: "Ein Anspruch besteht dann, wenn der Auszubildende bzw. seine ihm unterhaltspflichtigen Eltern nicht in der Lage sind, die Ausbildung aus eigener Kraft zu finanzieren", erklärt Christina Brüning vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Nur in wenigen Ausnahmefällen werde die Förderung unabhängig vom Einkommen der Eltern gewährt.

Mit der aktuellen BAföG-Reform, die ab Sommer 2016 greift, erhöht sich der Elternfreibetrag aber auf 1.715 Euro (1.145 Euro bei alleinstehenden Elternteilen) im Monat. BAföG-Empfänger selbst können dann bis zu 450 Euro anrechnungsfrei hinzuverdienen, der Freibetrag für eigenes Vermögen steigt auf 7.500 Euro. Der Kreis der Empfänger werde sich durch die Reform voraussichtlich um rund 110.000 erweitern.


Klischee #3: Mit einem Studienkredit verschuldet man sich fürs ganze Leben

"Finger weg von Studienkrediten" – das gelte laut Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) für Studierende, die sich unmotiviert durch das Studium quälen und nicht wissen, ob sie es bis zum Abschluss durchziehen. Oder auch für diejenigen, die damit einen übertrieben hohen Lebensstandard sicherstellen wollen. Als Investition in die eigene Zukunft sei ein Studienkredit jedoch richtig eingesetzt.

Übrigens: "Ein erdrückender Schuldenberg, der einem nach dem Berufseinstieg jegliche Flexibilität nimmt, entsteht dadurch nicht", sagt Müller. Im Gegensatz etwa zu den USA fungierten Studienkredite in Deutschland meist nur als Ergänzungsfinanzierung. Und: "Fast alle Anbieter gewähren nach dem Examen eine Verschnaufpause, die KfW etwa bis zu zwei Jahre. Erst dann startet die Rückzahlung. Manche Angebote sehen sogar ein Mindesteinkommen vor – man muss erst dann zurückzahlen, wenn das Gehalt eine bestimmte Grenze überschreitet", so der Experte.


Klischee #4: Ein Nebenjob lohnt sich nicht, da habe ich zu viele Abzüge

Natürlich wäre das eine schöne Ausrede. Aber: "Man darf als Mini-Jobber bis zu 450 Euro im Monat verdienen, ohne dass Beiträge zur Sozialversicherung oder steuerliche Abzüge fällig werden", sagt Dennis Voltz von Fernstudium Direkt. Allerdings müsst ihr aktuell 3,7 Prozent des Lohns in eure Rentenkasse einzahlen, wenn ihr euch nicht befreien lasst.

Was sich generell nicht lohnt, ist ein geringfügig höherer Bruttolohn: "Wer beispielsweise 530 Euro verdient, hat hinterher genauso viel auf dem Konto wie jemand mit einem 450-Euro-Job." Um weiterhin als "ordentlicher Student" eingestuft zu werden, dürft ihr übrigens nicht mehr als 20 Wochenstunden arbeiten – außer z. B. in den Semesterferien.


Weitere Infos zur Studienfinanzierung auf einen Blick

Die UNICUM Infografik zeigt dir, mit Hilfe welcher Geldquellen sich Studierende ihr Studium finanzieren. Weitere Infos dazu gibt es auch hier. Wie Studierende in vielen anderen Lebensbereichen ticken, erfährst du hier.

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 29. Mär 2017 um 15:39 Uhr von Lina
Richtiger Ansatz, mal die Klischees zu hinterfragen, ich kann gleichwohl nicht allem zustimmen. Stipendium: feine Sache, wenn man es schafft eines zu bekommen, hier sollte man mutiger sein und sich einfach mal bewerben. Ein Nebenjob ist eine sinnvolle Möglichkeit, zusätzliche Lebenserfahrung zu sammeln und Leute kennenzulernen, zur Studienfinanzierung sollte er m.E. nicht zwingend notwendig sein müssen, denn er kostet auch viel wertvolle Zeit, die man besser ins Lernen oder in die notwendige Erholung stecken sollte. Und ein Studienkredit häuft vielleicht nicht unüberwindbare Schulden an, ist aber doch eine erhebliche psychologische Belastung. Eigentlich sollte deshalb das Bafög reichen, um ein Studium auch für weniger Wohlhabende möglich zu machen. Leider wird hier in den letzten Jahren aus politischen Gründen eher strukturell gekürzt, so dass das Ganze nicht mit den Kosten Schritt hält. Näheres enthält der alternative Bafög-Bericht der DGB-Jugend von Anfang 2017. Eine kurze Zusammenfassung findet sich auch unter textundwissenschaft.de/2017/03/02/ohne-moos-nix-los/ Die Entwicklung der letzten Jahre ist meiner Ansicht nach kein Ruhmesblatt der Bildungspolitik, die sich einmal Chancengerechtigkeit auch für ärmere auf die Fahne geschrieben hatte. Wird Zeit, dass sich da was bewegt, denn ohne ein besser ausgestattetes Bafög wird es trotz aller alternativen Möglichkeiten für immer mehr Studenten immer schwieriger werden, zu studieren.