Entschleunigt mal: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten nach dem Abitur
Die Qual der Wahl: Nach dem Abi steht euch die Welt offen | Illustration: Birte Weinar
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11. Okt 2012

Merel Neuheuser

Studium

Entschleunigt mal!

-ARCHIV-

Unendlich viele Möglichkeiten nach dem Abitur

Gibt es einfach zu viel Auswahl?

Irgendwie ist das paradox. Bin ich zu Besuch in einem putzigkleinen Städtchen, schleppe ich eine gefühlte LKW-Ladung Einkaufstüten nach Hause. Gehe ich hingegen gezielt in der Shopping-Metropole Berlin auf Kleiderjagd, bringe ich exakt nichts mit. Das könnte an einem verschrobenen Modeempfinden liegen, wahrscheinlicher ist aber der "Too-much-choice"-Effekt. Der erklärt nämlich, warum ich im KaDeWe stehe und anstatt wild um mich zu shoppen in eine Art Schockstarre verfalle und miese Laune bekomme.

Diesen Effekt gibt es nicht nur in meiner Shoppingsprache, er ist das Resultat verschiedener Studien von diversen Wissenschaftlern. Eure Situation hat mehr mit meiner T-Shirt-Wahl zu tun, als ihr vielleicht denkt.

Ersetzt die verschiedenen Schnitte, Farben und Muster einfach mit euren Möglichkeiten nach dem Abitur. Studium? Welcher der über 6.000 Studiengänge darf es sein? Vielleicht ein duales Studium? Da sind es immerhin nur noch etwa 800 Varianten. Doch lieber eine Ausbildung? Klassisch oder dual? Oder Abiturientenprogramm? Dann gibt es noch den Bundesfreiwilligendienst, ein freiwilliges soziales Jahr, einen Auslandsaufenthalt und so unglaublich viel mehr Wahlmöglichkeiten.

Nie gab es mehr Möglichkeiten

Aber wem erzähle ich das. Nie zuvor hatte eine Generation so unfassbar viele Möglichkeiten, wie der Lebenslauf weiter aussehen könnte. "Luxus", mag die Großelterngeneration denken, "Stress" sagt die Wissenschaft. In verschiedenen Versuchen konfrontierten im Jahr 2000 die Ökonomin und Psychologin Sheena Iyengar und ihr Kollege Mark Lepper von der Columbia University in New York ihre Probanden mit einer abweichend großen Auswahl an Marmeladensorten.

Mal konnten Kunden zwischen sechs Sorten wählen, mal zwischen 24. Mehr Interesse bekam das opulente Angebot. Aber nur drei Prozent kaufte auch ein Gläschen, während jeder dritte Neugierige der kleinen Auswahl mit Marmelade heimkehrte. Natürlich sollte es nicht nur bei dem einen Versuch bleiben.

Das Ergebnis: Ist die Auswahl zu groß, schlägt die Entscheidung aufs Gemüt. Diese fetten Möglichkeiten machen uns also nicht glücklicher.

Einfach auf den Bauch hören?

Das fiel auch Wirtschaftsautor und Journalisten Bas Kast auf. Ereignisse im privaten Umfeld riefen in ihm die Frage hervor: "Wir haben alle Chancen der Welt, wir können an der Erfüllung unserer Wünsche arbeiten wie nie zuvor – warum tun sich trotzdem viele von uns so schwer mit der Liebe und dem Leben?" Wieder ist der Überfluss an Möglichkeiten Schuld. Müssten wir bei der Wahl nicht einfach auf unseren Bauch hören?

In seinem Buch "Ich weiß nicht, was ich wissen soll" schreibt Kast dazu: "Unsere Instinkte sind allerdings nur unter den Voraussetzungen, unter denen sie entstanden sind, einigermaßen narrensicher: in einer Umwelt chronischer Knappheit. Wir aber haben die chronische Knappheit durch ein chronisches Zuviel ersetzt, womit auch die Logik der Natur aus den Fugen geraten ist."

Diese Feststellung hilft euch jetzt noch nicht unbedingt weiter, aber so ganz allein seid ihr mit der Entscheidung ja nicht. Im Internet und in Magazinen, wie UNICUM ABI, findet ihr zahlreiche Informationen, eure Eltern und Lehrer beraten euch, auf Jobmessen und teils sogar in der Schule locken Arbeitgeber mit den jeweiligen Reizen des Berufsbilds: Spannende Arbeit, dickes Gehalt, Zukunftssicherheit, Dienstwagen und vieles mehr.

Was sind meine Interessen? Was kann ich?

"Ich finde es gut, wenn einzelne Unternehmen in Schulen kommen und Einblicke geben" sagt Roswitha Nussinger, seit über zwanzig Jahren Abiturientenberaterin bei der Agentur für Arbeit in Nürnberg. "Aber es wird eine Leistung der Schüler gefordert. Ich sehe es durchaus als Bereicherung, wenn mit Arbeitgebern gesprochen wird, aber Schüler müssen bei dem großen Angebot lernen, zu differenzieren." Damit meint sie, dass es gar nicht so einfach ist, das, wofür geworben wird, auf sich zu beziehen.

Was sind meine Interessen? Was kann ich und wie wichtig sind mir Punkte wie Gehalt, Arbeitszeit oder Prestige? Roswitha Nussinger hat miterlebt, wie das Abitur von G9 zu G8 wurde, wie der Zivildienst abgeschafft und der Bundesfreiwilligendienst eingeführt wurde. Vor allem aber, wie die Bachelor- und Masterstudiengänge die alten Studiengänge ablösten.

"Themenvielfalt und Wahlfreiheit ist heute das Motto der Universitäten. Man hat dadurch ein riesiges Angebot, dabei sind viele wohlklingenden Namen von Studiengängen einfach Synonyme für ähnliche Produkte". Das ist so, weil Hochschulen sich natürlich auch in einem Wettbewerb um Studenten befinden. Mit einem neuen Namen und einer minimal anderen Ausrichtung können sie sich als Unikate im Hochschulbereich präsentieren.

Ist die Schockstarre erst einmal eingetreten, ist das also völlig normal. Ja und was dagegen tun? Dasselbe, wie bei Kleidung: Leute hinzuziehen, die euch lange und gut kennen und prüfen, was tatsächlich zu euch passt. Und vor allem – sich dem Druck entziehen. "Ich rate den jungen Leuten, die nach dem Abitur nicht wissen, wofür Sie sich entscheiden sollen: schafft euch eine Überbrückung, wie beispielsweise einen Auslandsaufenthalt, und vor allem - entschleunigt mal ein wenig."

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