Brexit
Der Brexit wird auch Auswirkungen auf die Hochschullandschaft haben | Foto: Thinkstock/Evgeny Gromov
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04. Jul 2016

Jasmin Lörchner

Ins Ausland

Brexit – das Aus für Auslandsstudium und Praktium auf der Insel?

Ein Blick auf die anstehenden Änderungen nach dem EU-Referendum

Müssen Studenten im Auslandsjahr oder Praktikanten die Insel verlassen?

Nein. Wer bereits auf der Insel ist oder den Aufenthalt schon bewilligt bekommen hat, kann wie geplant studieren oder arbeiten. Kurzfristig ändert sich nichts an den Einreisebestimmungen und dem Bleiberecht für EU-Bürger. Vor dem eigentlichen Brexit werden alle Bedingungen für die Zeit nach dem Austritt neu verhandelt. Bis dahin gelten die bestehenden Rechte und Regeln.

Mittel- und Langfristig könnten für Studenten jedoch Visa wie das "Tier 4 student visa" notwendig werden, wie sie derzeit von außereuropäischen Studenten verlangt werden. Das würde zusätzliche Behördengänge und Gebühren im Vorfeld des Auslandsaufenthalts bedeuten.

Was ändert sich künftig bei Auslandsaufenthalten in Großbritannien?

"Unsere oberste Priorität wird es sein, die britische Regierung davon zu überzeugen die richtigen Schritte zu unternehmen um sicherzustellen, dass Hochschulmitarbeiter und Studenten aus europäischen Ländern auch auf lange Sicht an britischen Universitäten studieren und arbeiten können", sagt Julia Goodfellow, Präsidentin von Universities UK, dem Dachverband britischer Universitäten.

Die britische Hochschullandschaft steht dem Brexit ablehnend gegenüber. Die Universitäten befürchten nach dem Austritt aus der EU nicht nur, dass weniger ausländische Studenten nach Großbritannien kommen. Ihnen graut auch vor dem administrativen Mehraufwand: Abhängig vom Ausgang der Verhandlung könnte die Anerkennung von Studienabschlüssen – sowohl von EU-Ausländern in Großbritannien als andersherum – künftig komplizierter werden.

Offen ist ebenfalls, ob Studierende künftig nach dem Studium im Land bleiben dürfen, oder ob die Regelungen künftig denen für Nicht-Europäer angepasst werden: Amerikaner müssen die Insel nach Abschluss des Studiums beispielsweise verlassen und dürfen nur bleiben, wenn sie ein Jobangebot oder eine Business-Idee nachweisen können oder auf ihrem Feld außerordentlich qualifiziert sind.

Was bedeutet der Brexit für das Erasmus-Programm?

Der Austritt aus der EU könnte im schlimmsten Fall den Austritt aus dem internationalen Mobilitätsprogramm Erasmus+ bedeuten. Aktuell fördert das Programm Schüler, Studenten und Berufseinsteiger bis 2020 mit rund 15 Milliarden Euro. "Hier müssen die Modalitäten für eine Beteiligung Großbritanniens neu verhandelt werden", sagt Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).

Welche Auswirkungen hat der Brexit auf die Studiengebühren?

Für Studenten könnten Studiengebühren das zentrale Problem werden: Sie werden zukünftig wahrscheinlich höher ausfallen. Teilnehmer des Erasmus-Programms sind aktuell von Studiengebühren befreit. Ob das so bleibt, ist abhängig von den Verhandlungsergebnissen über den Verbleib Großbritanniens im Erasmus-Programm.

Europäische Studenten, die ihr gesamtes Studium in Großbritannien absolvieren, sind derzeit rechtlich mit britischen Studenten gleichgestellt und zahlen Studiengebühren von rund 9000 Pfund (10.700 Euro) pro Jahr. Dieser Sonderstatus, fürchten Austauschdienste, könnte wegfallen. EU-Studenten drohen dann die Gebühren, wie sie derzeit für Gäste von außerhalb der EU anfallen: Sie liegen je nach Abschluss (Undergraduate oder Postgraduate) und Universität zwischen 24.000 und 34.000 Pfund (28.600 bis 40.600 Euro).

Wer mit einem Studienkredit der Student Loans Company (SLC) studiert, wird ungeachtet des Brexit-Referendums weiter unterstützt, erklärte die gemeinnützige staatliche Organisation. Kredite und Stipendien würden bis zum Ende des Studiums weitergezahlt – auch bereits bewilligte Unterstützungen stünden nicht in Frage, so SLC. Das Programm wird von Studenten genutzt, die ihr gesamtes Studium in Großbritannien absolvieren. Der Kredit muss nach Abschluss des Studiums komplett zurückgezahlt werden, die Zahlungen sind abhängig vom Einkommen.

Wie verändern sich Hochschullandschaft und Forschungsmöglichkeiten?

"Das britische Votum gegen die Mitgliedschaft in der EU wird erhebliche Auswirkungen auf die Mobilität von Studierenden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben", sagt DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel. Die Hochschulen befürchten, dass Visa-Regelungen und höhere Studiengebühren in Zukunft Austauschstudenten abschrecken und damit geringere Einnahmen für die Universitäten zur Folge hat.

Stichwort Finanzen: Viele Stellen und Forschungsprojekte an britischen Universitäten hängen von Drittmitteln aus der EU ab. Auch der Zugang zum internationalen Netzwerk an Wissenschaftlern könnte schwieriger werden. Wissenschaftler der Universität Cambridge warnten in einem offenen Brief, dass allein an ihrer Universität rund 30 Prozent der interdisziplinären Projekte in den Kunst- und Geisteswissenschaften von europäischen Fördergeldern abhängen. "Die Regierung wäre nicht in der Lage, dieses Ausmaß an Fördergeldern zu ersetzen", mahnten sie.

Universities UK erklärte, die Regierung müsse dafür sorgen, dass Großbritannien wenigstens als "associated country" mit Horizon 2020 und seinem Nachfolger Framework Programme 9, dem EU-Förderprogramm für Forschung und Innovation, verbunden bleibe. Unter diesem Status nehmen derzeit auch Nicht-EU-Mitgliedstaaten wie Norwegen und die Türkei an der Initiative teil und haben Zugriff auf einen gemeinsam finanzierten Fördertopf.

Wird Leben in Großbritannien teurer?

Das hängt vom Kurs des britischen Pfunds ab. Unmittelbar nach Bekanntgabe der Ergebnisse stürzte das Pfund zeitweise auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren. Zwar erholte sich die Währung wieder. Experten erwarten aber, dass das Pfund gegenüber dem Euro künftig schwächer als bisher notiert. Das würde bedeuten, dass die Lebenshaltungskosten für Europäer etwas günstiger würden. Auch hier hängen die mittel- und langfristigen Folgen von den Verhandlungen mit der EU ab: Mit dem Austritt aus der Union könnten wieder Zölle und Handelsabgaben erhoben werden – in diesem Fall könnten die Preise wieder steigen.

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