Inklusion Ausbildung Bewerbung
Wer eine Ausbildung sucht, muss zu sich und zu seiner Einschränkung stehen | Foto: UNICUM

Studium

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UNICUM Onlineredaktion

Ausbildung

Inklusion in der Ausbildung: Die Chancen stehen gut!

Ausbildung mit Hörbehinderung 

UNICUM: Steffen, deine Hörfähigkeit ist eingeschränkt – was bedeutet das konkret?
Steffen Roeloffs: In meinem Fall ist es so, dass ich ohne technische Hilfen – also Hörgerät und Cochlea-Implantat – gar nichts hören würde.

Trotzdem hast du dein Abitur an einer Regelschule gemacht. Wurdest du dort besonders unterstützt?
​Steffen Roeloffs: Ganz am Anfang hat mich das Schulamt auf eine Schule für Schwerhörige geschickt. Nach einem Jahr haben wir aber gemerkt, dass das so nicht geht. Ich bin dann also doch auf eine normale Schule gegangen. Dort musste ich die erste Klasse zwar wiederholen, aber ab dann war ich ganz normal auf der Grundschule und auf der Gesamtschule. Danach habe ich ein Berufskolleg in Essen besucht und ein technisches Abitur gemacht. Zwar hat mein Abitur vier Jahre gedauert, dafür hatte ich aber auch zwei technische Leistungskurse.

Einschränkungen direkt in der Bewerbung ansprechen!

Wie bist du beim Bewerbungsprozess vorgegangen? Hast du in deiner Bewerbung um die Ausbildungsstelle offen geschrieben, dass du schwerhörig bist?
Steffen Roeloffs: Ja, ich habe bei meinen Bewerbungen direkt erwähnt, dass ich schwerhörig bin und zwei Hörgeräte habe. Ich finde es sehr wichtig, dass das schon im Anschreiben deutlich wird. Es ist die ehrlichste Variante und damit kann man selbst nichts falsch machen – höchstens das Gegenüber. Ich habe aber auch geschrieben, dass ich mich dank technischer Hilfsmittel normal unterhalten kann, wenn es nicht gerade Lärm oder andere Störungen gibt. Bei der Ausbildungsplatzsuche gab es deswegen keine Ablehnungen.

Frau Klömpken, Sie sind Ausbildungskoordinatorin bei 3M: Empfehlen Sie auch, Einschränkungen schon in der Bewerbung anzusprechen?
Diana Klömpken: Ja, und zwar direkt. Nicht auf Seite zwei oder drei. Wir bekommen hunderte von Bewerbungen, die wir innerhalb kürzester Zeit sichten müssen. Wenn man von vorneherein sieht, dass dort jemand ein gewisses Handicap hat, können auch wir offen damit umgehen und den Fall direkt prüfen. Dann sehen die Chancen gut aus.

Inklusion Ausbildung Elektrotechnik

Jeder bekommt ein ganz normales Auswahlverfahren

Wie gewährleisten Sie Inklusion im Unternehmen?
Diana Klömpken: Wir sind da vor allem bei den Ausbildungen sehr offen. Wir schauen uns die Person hinter der Bewerbung an. Jeder durchläuft das normale Auswahlverfahren. Steffen zum Beispiel hat erst den Einstellungstest gemacht, dann ist das Bewerbungsgespräch erfolgt. Er hat an unserem Assessment-Center teilgenommen, bei dem wir geschaut haben, ob er die nötigen Fähigkeiten mitbringt.

Wir fanden damals gleich, dass er ein super Typ ist und wollten ihn gerne im Team haben. Nachdem wir sichergestellt hatten, dass es keine technischen Konflikte mit Steffens Hörgeräten gibt – in manchen Bereichen besteht etwa Explosionsgefahr, weswegen dort beispielsweise auch keine Handys erlaubt sind – haben wir ihm die Zusage gegeben. Wir haben außerdem sogenannte Behindertenobmänner, die Bewerbungen von Personen mit Einschränkungen nochmal ganz genau sichten und prüfen.

Steffen ist der erste schwerhörige Auszubildende in Ihrem Unternehmen. Haben sich durch seine Ausbildung bei Ihnen besondere Herausforderungen ergeben?
Ausbilder Rainer Krüger: Überhaupt nicht. Allerdings kann es durch auftretende elektromagnetische Wellen zu Problemen mit seinem Cochlea-Implantat kommen. Aber wenn er in einem Bereich ist und merkt, dass die Schwingungen zu stark werden, geht er einfach raus. Wenn er Prüfungen macht, weiß der Prüfungsausschuss, dass er Einschränkungen hat. Ich bitte die Prüfer vorher, ihn gerade anzusprechen, sodass er den Mund sehen kann. Und ich bitte sie, langsam zu sprechen und erwähne, dass er vielleicht noch ein paar Mal nachfragt – nicht, weil er die Antwort nicht weiß, sondern weil er die Frage vielleicht nicht verstanden hat. Aber das ist alles kein Problem, wenn vorher darüber gesprochen wird.

Inklusion: Herausforderungen meistern Unternehmen und Azubi gemeinsam

Steffen, gibt es für dich in der Ausbildung Momente, in denen du dich eingeschränkt fühlst oder in denen dir etwas schwerfällt?
Steffen Roeloffs: Ja, es gibt Momente, die mir schwerfallen. Zum Beispiel in Bereichen, wo es viel Lärm gibt. Ich kann zwar am Hörgerät ein Lärmprogramm einstellen, das konstant laute Töne wegschaltet, aber trotzdem ist es manchmal schwer, sich bei unregelmäßig auftretendem Lärm zu unterhalten.

Diana Klömpken: Wenn wir Workshops anbieten, haben wir ein Gerät, ähnlich wie ein Mikrofon. Wenn der Moderator es nutzt, kann Steffen ihn besser verstehen, weil das Gesagte näher an Steffens Ohr herangeholt und verstärkt wird.

Unabhängig von der Schwerhörigkeit, was war bisher die größte Herausforderung im dualen Studium?
Steffen Roeloffs: Prüfungen sind immer eine Herausforderung. Aber ich renne davor nicht weg (lacht). Es gab aber noch keinen schlimmen Moment, der mir Kopfschmerzen bereitet hat.

Diana Klömpken: Falls es doch mal so ist, kann Steffen aber auch immer zu uns kommen. Das ist uns wichtig: Der Austausch zwischen Auszubildenden und Ausbildern. Wenn es irgendwo ein Defizit gibt, sollte frühzeitig Bescheid gesagt werden, damit wir unterstützend tätig werden können.

Steffen Roeloffs: Ansonsten finde ich es einfach interessant, Ausbildung und Studium gleichzeitig zu machen. Einige Inhalte, die man an der Uni lernt, kann man gleich schon in die Ausbildung übertragen. Genauso auch umgekehrt: In der Ausbildung habe ich auch schon etwas gelernt, was erst im dritten oder vierten Semester vorkommt und dann gemerkt, dass ich das schon kenne. Das ist total gut!

Hast du Tipps für Leute mit ähnlichen Einschränkungen, die Angst haben, in so einem großen, Unternehmen zu arbeiten?
Steffen Roeloffs: Einfach man selbst sein – das ist immer noch das Beste. Wenn man sich verstellt, geht das nur schief. Es bringt ja auch nichts, wenn man einen falschen Eindruck vermittelt. Am Ende passen Unternehmen und Bewerber dann nämlich doch nicht zusammen.

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 02. Mär 2018 um 09:50 Uhr von Stefan Dévény
Toller sympatischer Bericht über einen 3Mer. Mehr davon bitte in der Zukunft.