LGBT
Transgender: Alle sprechen darüber, aber was steckt wirklich dahinter? | Foto: Thinkstock/Alexmia
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23. Jun 2016

Nina Weidlich

Liebe & Sex

Ja, die Transgender-Bewegung geht uns alle an

Ein Plädoyer für mehr Mobilität im Kopf

Platz für Neues

Die meisten von uns können den Wunsch, das andere Geschlecht anzunehmen, nicht nachvollziehen. Auch ich kann das nicht. Den Leidensdruck, den transsexuelle Personen durchmachen, kann ich nicht einmal erahnen. Weil ich – erfreulicherweise – mit meinem biologisch zugeteilten Geschlecht ganz zufrieden bin. Dennoch nehmen die wenigsten von uns ihren Körper so an, wie er ist. Das Verlangen nach körperlicher Veränderung ist uns also nicht fremd – wenn auch nur im ganz kleinen Stil: Schminke, Piercings, Tattoos, Haarfärbungen, Botox. Das alles beweist, dass wir nicht so aussehen wollen, wie die Natur es vorgesehen hat. Niemandem käme es in den Sinn, darüber auch nur ein Wort zu verlieren.

Jetzt aber wird von uns verlangt, einen Schritt weiter zu denken: Seien es die sagenumwobenen Gerüchte um ein lesbisches Pärchen in Disneys neuem Animationsfilm "Findet Dorie" oder der von Fans geäußerte Wunsch, dass Eisprinzessin Elsa eine feste Freundin bekommt: Abweichungen von der "Norm" fordern ihren Platz in unserer Gesellschaft ein – und sie bekommen ihn. Ob das wirklich revolutionär oder einfach längst überfällig ist, sei dahingestellt. In jedem Fall zeigt es, dass eingestaubte Idealvorstellungen Platz für neue Wahrheiten machen. In unseren Köpfen muss sich etwas bewegen.

Solche Umdenk-Prozesse beanspruchen Zeit und Willensbereitschaft. Noch immer ist die gleichgeschlechtliche Ehe in vielen Ländern nicht möglich, auch in Deutschland  wird lediglich die eingetragene Lebenspartnerschaft anerkannt. "Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen." sagen 40 Prozent von 2.420 Befragten einer repräsentativen Umfrage der Uni Leipzig. Man könnte meinen, wir sind gedanklich noch nicht bereit für den nächsten Level. Doch gesellschaftliche Strömungen haben keinen Schalter, den man einfach umlegen kann. Unsere neue Herausforderung heißt Transgender. Und wenn du meinst, damit hättest du nichts am Hut, hast du dich geschnitten.

Die virtuelle Welt macht's vor

Wie viele Geschlechter kennst du? Ich tippe mal auf zwei. Bist du ein besonders liberaler Freigeist, leuchtet vielleicht gerade eine große "3" im deinem Kopf auf. Süß, deine Naivität. Facebook unterscheidet schon seit 2014 zwischen 60 unterschiedlichen Geschlechtern. Neben verstaubten Angaben wie "weiblich", "männlich" und "trans" können da auch exotischere Möglichkeiten wie "Two Spirit drittes Geschlecht", "Pangender" oder "Hermaphrodit" ausgewählt werden. Nun ist Facebook quasi dazu verpflichtet, die menschliche Vielfalt in jeglicher Hinsicht zu feiern. Außerdem: Je detaillierter die Angaben über den User, desto mehr Daten kann Facebook verkaufen. Neben Weltoffenheit spielt also vermutlich auch eine Prise Profit eine nicht ganz unwesentliche Rolle.

Auch die Spieleindustrie springt auf diesen Zug auf: Erst kürzlich hat EA in der Real-Life-Simulation "Die Sims 4" die Geschlechtergrenzen abgeschafft. Nach dem kostenlosen Update ist es jetzt möglich, Kleidung, Körperbau, Gangart und Stimme unabhängig vom Geschlecht anzupassen. Der Fantasie sind also ab sofort keine Grenzen mehr gesetzt – wie im echten Leben. Ob Transgender-Sims ab sofort auch mit Problemen wie Ausgrenzung, langwierigen Behördengängen und gesundheitlichen Folgen von geschlechtsangleichenden OPs kämpfen müssen, ist fraglich. So "Real Life" ist die Simulation dann eben doch nicht.


Transgender-Debatte Geschlechter


Keep calm and wear skirts

Aber nicht nur in der virtuellen, auch in der realen Welt tut sich was in Sachen Gender-Mainstreaming. Erst kürzlich haben uns die traditionsbewussten Briten überrascht: Spießige Schuluniformen, Faltenröcke und Bundfaltenhosen sind dort ein bekanntes Bild. Daran wird sich auch zukünftig nichts ändern, allerdings ist der Rock jetzt für alle offiziell salonfähig.

Eine Lockerung der Kleiderordnung stellt es den Schülern frei, welche Schulkleidung sie tragen. So sollen Transgender nicht in Klamotten gezwängt werden, die ihrem gefühlten Geschlecht widersprechen. Dass die Mädels erst jetzt in Hosen im Unterricht erscheinen dürfen, wirkt dagegen irgendwie erstaunlich unrevolutionär.

Streit ums Geschäft

Ein viel diskutiertes Thema sind auch die Toiletten. Schon wieder setzt ein eher prüdes Volk hier Maßstäbe: Dank des US-Präsidenten Barack Obama dürfen sich Transgender an ihren Schulen aussuchen, welche Toilette sie benutzen. Vielen Schulen gefällt das allerdings gar nicht – sie reichten Klage gegen die Initiative ein.

Auch in Deutschland ist die Unisex-Toilette nach wie vor umstritten. Zwar gab es schon einige Versuchsläufe, aber durchgesetzt hat sich das Klo für Jedermann/-frau offensichtlich noch nicht. Deshalb findet Ende Oktober 2016 die "All Gender Welcome"-Aktionswoche statt. Sie ruft dazu auf, die Schilder öffentlicher Toiletten gegen neutrale Etiketten auszutauschen. Das Argument der Initiatoren: Transgender fühlen sich auf Toiletten, die nicht ihrem gefühlten Geschlecht entsprechen, unwohl.

Der, die, das. Wer, wie, was?

Etwas, das uns alle bereits erreicht hat: Das Gender-Mainstreaming in der Rechtschreibung. Frauen – und somit potenziell auch Männer, die sich als Frau fühlen – äußern schon länger die Kritik, dass sie sich in Sätzen wie "Die Studenten erzielten Bestnoten" demonstrativ ausgeschlossen fühlen. Mit Maßnahmen wie Splitting (Studenten und Studentinnen), die Klammerschreibweise Student(innen) oder das Binnen-I (StudentInnen) soll die Frau deshalb sichtbar gemacht werden.

Wo aber sehen wir nun diejenigen, die weder Frau noch Mann sind? Komplizierter Vorschlag zur Güte: Wir zeigen, dass sie da sind, indem wir zeigen, wo sie nicht sind. Das liest sich dann z.B. "Professor_Innen", wobei der Unterstrich das dritte Geschlecht symbolisiert. Weitere Möglichkeiten sind die x-Form (Professx) sowie die Sternchen-Form (Profess*), die auf jegliche Andeutung eines Geschlechts verzichten. Bei allem Respekt an jede auch nur erdenkliche Lebensform oder Geschlechterkombination: Warum? Es geht nicht darum, dass ich komplizierte Schreibweisen als ernstzunehmende Gefahr für die deutsche Sprache wahrnehme. Die ständige Diskussion um Banalitäten wie diese nimmt der Debatte jedoch die Ernsthaftigkeit, die sie verdient. 


Die Transgender-Bewegung ist vielfältig


Gender-ABC

Um der Gender-Debatte überhaupt folgen zu können, musst du wissen, worüber geredet wird. Denn es wird der Bewegung nicht gerecht, alle Männer, die ab und zu im Kleid rumlaufen, als "Transen" zu bezeichnen. Damit du in Zukunft also differenziert über das Thema diskutieren kannst, haben wir die wichtigsten Begriffe für dich zusammengefasst:

Transsexuell

Transsexualität beschreibt eine offizielle Diagnose. Anders, als die Endung "-sexualität" vermuten lässt, geht es hierbei nicht um sexuelle Neigungen, sondern um die geschlechtliche Identität der betroffenen Personen. Es ist ihnen ein inneres Bedürfnis, das jeweils andere Geschlecht anzunehmen. Da sie möglichst nicht auffallen möchten, wird neben der Übernahme geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen und Kleidung auch häufig eine geschlechtsangleichende OP angestrebt.

In Deutschland und vielen anderen Ländern wird Transsexualität noch immer als krankhafte Identitätsstörung angesehen. Das mag uns rückständig erscheinen, kann für Betroffene aber entscheidend sein: Im Falle einer Geschlechtsumwandlung können sie finanzielle Unterstützung von der Krankenkasse erwarten.

Transgender

Der Begriff Transgender ist nicht konkret definiert und wird deshalb in vielen unterschiedlichen Kontexten gebraucht. In Deutschland wird er häufig synonym zu "Transsexuell" verwendet, was zu Kontroversen innerhalb der LBGT-Community führt.

Auf der einen Seite gibt es Transsexuelle, die den Begriff "Transgender" bevorzugen, da er sich vom deutschen Wort "Sex" distanziert und so die Assoziation mit sexuellen Orientierungen ausblendet. Auf der anderen Seite werfen einige Transsexuelle der Transgender-Bewegung vor, lediglich eine Modeerscheinung zu sein. Anders als Transsexuelle würden Transgender es darauf anlegen, bewusst als Imitation der entgegensetzten Geschlechterrolle aufzufallen.

Fest steht, dass Transgender sich mit ihrem biologischen Geschlecht nicht identifizieren können. Auch die Ablehnung des binären Geschlechts – also die klassische Einteilung in Mann und Frau – ist hier möglich. Innerhalb der Gruppe gibt es sowohl solche, die eine Geschlechtsangleichung anstreben, als auch konsequente Gegner von Geschlechts-OPs. Man kann den Begriff Transgender also als Oberbegriff für die unterschiedlichen Strömungen ansehen, die sich mit der Geschlechtsidentität beschäftigen.

Transvestit

Transvestismus kann als Sammelbegriff für zwei unterschiedliche Ausprägungen gebraucht werden:

  • Zum einen gibt es die Gruppe der Crossdresser, welche meist heterosexuell sind. Sie tragen gelegentlich die Kleidung des anderen Geschlechts oder übernehmen vermeintlich typische Verhaltensweisen. Häufig steht der Begriff im Zusammenhang mit sexuellen Neigungen. Da es sich um ein temporär begrenztes Phänomen handelt, fühlen Crossdresser sich der LBGT-Community in der Regel nicht zugehörig.
  • Zum anderen werden auch Drag Queens/Kings häufig als Transvestiten bezeichnet. Prominente Vertreter sind Olivia Jones oder Conchita Wurst. Anders als die Crossdresser sind sie meist homosexuell und stellen die jeweiligen Rollenbilder in einer sehr übertriebenen Weise dar.

Cisgender

Cisgender wird als Gegenbegriff zu Transgender verwendet. Es bezeichnet diejenigen Personen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren können. Innerhalb der LBGT-Community wird immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Übereinstimmung keine Selbstverständlichkeit ist.

Passing

Passing beschreibt die Wahrnehmung einer Person, von der Außenwelt als Mann oder Frau anerkannt und akzeptiert zu werden. Besonders bei Transsexuellen, die im Körper des jeweils anderen Geschlechts leben wollen, ist das Streben nach Passing groß. Deshalb werden neben Äußerlichkeiten auch typische Verhaltensweisen des Gegengeschlechts übernommen. Zum Passing gehören außerdem die Ansprache als Mann bzw. Frau oder die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen wie z.B. das Aufhalten der Tür.


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Veröffentlicht am 24. Jun 2016 um 19:47 Uhr von Jana Saout
Hallo, danke für den schönen Artikel. Ja, dass diese Themen alle etwas angehen ist richtig. Leider sehen das die allermeisten nicht so. Es is gruselig. In den USA gab es im Bereich LGBT in den letzten Jahren erdrutschartige Veränderungen. Viel angekommen ist davon in Deutschland nicht. Transmenschen - das ist für die meisten etwas von einem anderen Stern. Es gibt viele in Deutschland - aber null Sichtbarkeit. Die allerallerwenigsten kennen jemand. Wer sich mit soziologischen Betrachtungen beschäftigt, wird feststellen, dass die Unsichtbarkeitmachung von Transmenschen in Deutschland ein selbsterhaltendes System ist. Eine neurotische Verstrickung zwischen Psychologen, Selbsthilfegruppen, heteronormativen Gesellschaftsbildern, Familien, dem sozialen Umfeld, dem Gesetzgeber und Behörden, der Arbeitswelt und zu guter Letzt den Transmenschen selbst. Dass Deutschland in Sachen LGBT-Rechten im westlichen Europa mittlerweile zu den Schlusslichtern gehört, ist etwas, das man ruhig laut sagen kann. Gerade bei Trans*-Menschen werden weiter fundamentale Menschenrechte verletzt. Dass das Bundesverfassungsgericht in 35 Jahren das TSG (Transsexuellengesetz) wie einen Schweizer Käse durchlöchert hat - so sehr wie kein anderes Gesetz - gut die Hälfte ungültig hindert die Politik nicht daran, es weiter auszusitzen und nichts zu tun. Weiterhin können Gutachter und Medizin weiter ihre Willkür und Projektionen von Heteronormativität und Menschenbildern aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts an Hilfesuchenden auslassen. Und dabei gut verdienen. Wenn man so Sätze hört wie "trans ist ja heute nicht schlimmes" hat noch viel weniger mitbekommen, als wenn man "Schwule und Lesben in der Mitte der Gesellschaft angekommen" sieht. (vgl. die Reaktionen und Entblößungen nach dem Massaker von Orlando). Ja - es muss DRINGEND geredet werden. Und etwas passieren.