Jonas Nay in Unser letzter Sommer
Jonas Nay in "Unser letzter Sommer" | Foto: farbfilm verleih
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01. Okt 2015

Heike Kruse

Promis

Jonas Nay: "Direkt ins Mark getroffen"

Der Shooting Star im Interview


Zum Film "Unser letzter Sommer"

1943, Ostpolen. Vier Jugendliche erleben einen Sommer voller Extreme. Denn Schrecken, Glück, Unschuld, Schuld und Liebe liegen in Zeiten des Zweiten Weltkrieges nah beieinander. Romek (Filip Piotrowicz) möchte Frankas (Urszula Bogucka) Herz erobern. Doch sie verliebt sich in Guido (Jonas Nay) und er sich in sie. Als strafversetzter Deutscher sichert Guido die Bahnstrecke ab. Als er zufällig das jüdische Mädchen Bunia (Maria Semotiuk) findet, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Und für alle naht das Ende des Sommers … Mehr unter www.unserletztersommer.de


Jonas Nay: "Ich kann meinen Guido auf seinem Weg begleiten"

UNICUM: "Unser letzter Sommer" ist ein sehr melancholischer Filmtitel. Da denkt man an Abschied, Trennung … Hat dich der Titel sofort angesprochen?
Jonas Nay: Ich habe das Drehbuch damals unter dem Arbeitstitel "Sommersonnenwende" bekommen. Am schönsten klingt der übrigens auf polnisch - Letnie przesilenie. Der Titel bezog sich damals auf den Zeitpunkt des Geschehens, der neue Titel mehr auf die Geschichte der Figuren. Vieles hat in dem Film mit Abschied und Trennung zu tun. Mein Charakter Guido verabschiedet sich in diesem Sommer von seiner Jugend, seiner Unschuld, seiner Unbeschwertheit.

Der Film wurde in Breslau, Sachsen und Brandenburg gedreht. Wie hat ein ums andere Mal das Miteinander am Set funktioniert?
Der Film wurde mit einem halb deutschen, halb polnischen Team verwirklicht. Dies hat hervorragend funktioniert, egal wo wir gerade drehten - man spürte, dass alle am Set ihr Bestes gaben, um einen besonderen, einen feinen Film zu drehen. Da waren auch die Sprachbarrieren irgendwie nebensächlich. Die Drehorte insbesondere - ob in Deutschland oder Polen - hatten einen großen Effekt auf den Look des Films. Wir haben viel in ländlichen Gegenden gedreht, die es zuließen, mit der Kamera dicht an den Figuren zu sein und gleichzeitig Weite und Endlosigkeit zu erzählen.

Wie war es, sich in diese Zeit Anfang der 1940er-Jahre zurückzuversetzen?
Ich würde mir niemals anmaßen zu behaupten, dass es für jemanden wie mich, der 1990 geboren wurde, auch nur annähernd möglich ist, sich in die Schrecken dieser Zeit hineinzuversetzen. Aber ich finde es einen wichtigen, emotionalen Film, der mit einem Mikrokosmos arbeitet, an den ich mich gemeinsam mit der Regie und allen anderen Schauspielern herantasten konnte. In diesem begrenzten Raum eines Bahnhofsgeländes im besetzten Ostpolen findet sich mein Charakter wieder, mit seinen Wünschen, seinen Nöten und Ängsten. Ich kann meinen Guido auf seinem Weg begleiten, bis ihn eine Gewalt trifft, die alles Menschliche, in das ich mich hineinfühlen kann, erstickt. 

"Ich bin ein absoluter Bauchmensch"

Wenn du selbst als Zuschauer im Film sitzen würdest, welche Szene aus "Unser letzter Sommer" würde dich am stärksten bewegen?
Es gibt in dem Buch eine Szene, vor der ich besonders große Angst hatte – ich wusste nicht, ob wir die richtige Stimmung erzeugen können. Sie hat mich im Kino sehr gepackt und das liegt vor allem an dem Schauspieler Bartlomiej Topa in der Rolle des Leon, den ich großartig finde. In der Szene steigt Guido, angelockt von der Swingmusik aus einem Grammophon, in das Jugendzimmer des polnischen Jugendlichen Romek und tanzt mit dessen Freundin Franka. Als nun die Mutter mit Leon ins Zimmer kommt, zerbricht innerhalb von Augenblicken die fragile Leichtigkeit und alle Charaktere werden aufs brutalste in die herrschenden Machtverhältnisse zurückgeworfen. Die Situation eskaliert. Mich hat die Szene direkt ins Mark getroffen.

In dem Film geht es sehr viel um Sehnsucht. Nach Liebe, nach Vergessen, nach Normalität: Wonach sehnst du dich?
Ich trage ein generelles Bedürfnis nach Wahrheit und Authentizität in meinem Leben in mir. Dass alles um mich herum echt ist oder zumindest einen großen wahren Kern besitzt. Sei es in zwischenmenschlichen Beziehungen, im allgemeinen Bewusstsein oder auch mich selbst betreffend. Klingt idealistisch - aber Sehnsucht hat ja auch immer etwas mit Idealismus zu tun.

"Die schönsten Dinge entstehen, wenn man es wagt, etwas aus dem Bauch heraus zu machen" – Siehst du das also auch so?
Oh ja, schöner Satz! Ich bin ein absoluter Bauchmensch. Übrigens auch bei der Auswahl von Drehprojekten. Wenn der Bauch schon beim Lesen des Drehbuchs "Ja" sagt, dann ist der wichtigste Grundstein für mich gelegt. So war es auch bei "Unser letzter Sommer".

"Ich genieße es rumzukommen"

Hat dein Plan, dich für dein Musik-Studium in Lübeck zurückzuziehen, bisher gut funktioniert?
Super. Ich hatte schwer gehadert mit der Entscheidung, ob ich mir die Doppelbelastung Film und Studium überhaupt zutraue, bevor ich an die Musikhochschule ging. Mittlerweile bin ich vier Semester dabei und habe nicht eines davon bereut. Es gibt mir Ruhe, zu wissen, dass ich nach einem Drehprojekt niemals keine Herausforderung mehr habe, es gibt mir Struktur in meinem Leben, es motiviert mich zum Klavierüben und am allerwichtigsten: Es erdet mich - durch die Kommilitonen, von denen mir viele schwer ans Herz gewachsen sind und unter denen sich auch meine beste Freundin befindet. 

Wann warst du nervöser: bei der Aufnahmeprüfung für dein Studium oder bei deiner Rede zum Grimme-Preis?
Definitiv bei meiner Aufnahmeprüfung. Beim Grimme Preis wusste ich vor der Verleihung durch die Bekanntgabe auf der Pressekonferenz, dass ich unter den Gewinnern bin. Bei der Aufnahmeprüfung hingegen, habe ich gekämpft und gezittert bis zur letzten Sekunde, in der Hoffnung, unter ihnen zu sein.

Lebst du in der richtigen Stadt, um vom Trubel um deine Person abzuschalten?
Ich kann mir dafür keine schönere Stadt als Lübeck vorstellen. Gut, ich rede hier von meiner Heimatstadt. Geboren, aufgewachsen und nun lebe ich wieder hier. Aber es ist nicht so, als hätte ich den Vergleich nicht. Ich habe nach der Schulzeit in Hamburg und in Rostock gelebt und komme für die meisten der Filmproduktionen viel rum. Das letzte halbe Jahr habe ich zum Beispiel für die Serienproduktion "Deutschland 83" mehrere Monate am Rosenthaler Platz in Berlin Mitte gelebt und dieses Interview führe ich aus einer Hütte irgendwo auf Bornholm. Und ich genieße es rumzukommen- aber leben möchte ich nur hier. Hier habe ich Familie, Freunde, Studium, meine Band Northern Lights, Handballverein, das Meer und wenn ich es brauche, auch meine Ruhe. All das brauche ich zum Abschalten.


Nachgehakt

  • Heute oder morgen?
    Heute. Ich mag es nicht, wenn mir Sachen im Nacken sitzen. Und ich hab ein schlechtes Gedächtnis...
     
  • Marzipan oder Schokolade?
    Marzipan. Aus lokalpatriotischen Gründen. Eigentlich steh ich gar nicht so sehr auf süß.
     
  • Hafen oder Strand?
    Ich glaube Hafen. Hauptsache Meer. 
     
  • Serie oder Film?
    Serie.

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