Elias und Luis sind GUAIA GUAIA
Guaia Guaia | Foto: Tobias Hametner/Universal Music
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30. Aug 2013

Anna Gumbert

Musik

UNICUM trifft: GUAIA GUAIA

-ARCHIV-

Von der Straße auf die Bühne

"Man kann mit Pfandsammeln durchkommen"

UNICUM: Die Legende erzählt von Klamotten aus Containern, besetzten Häusern – stimmt das alles wirklich?
Luis: Im Prinzip liegen die Klamotten eh auf der Straße rum, zum Beispiel im Sperrmüll. Die braucht man sich einfach nur zu nehmen.
Elias: Im Sommer haben wir Straßenmusik gemacht, aber dann wurde es irgendwann kalt. Wir wollten aber weiterhin ohne Miete leben, deswegen haben wir uns auf die Suche nach leerstehenden Häusern begeben. Und so zum Beispiel ein Häuschen am Ostkreuz in Berlin gefunden, in dem wir gewohnt haben, bis die Polizei uns da rausgetrieben hat.

Ein Song aus eurem Album "Eine Revolution ist viel zu wenig" beschreibt das "Pfandflaschenbusiness" …
Elias: Von Pfandflaschen haben wir aber nur kurz gelebt. Für einige Wochen hatten wir sehr wenig Geld, da wir uns nur von den Konzerten finanziert haben. Aber das geht tatsächlich! Wenn man keine Wohnung oder Versicherung zu zahlen hat, kann man mit dem Pfand durchkommen.

Wie ist denn eure Vorgeschichte?
Luis: Wir haben einen Haupt- und einen Realschulabschluss gemacht und dann den Zivildienst angetreten. So konnten wir erst mal von Zuhause ausziehen. Leider hat unsere Musik unter der Arbeit gelitten. Danach haben wir gejobbt und uns mehr der Musik gewidmet. Der Schlüsselmoment war wohl ein Film über klassische Straßenmusik, den wir beide gesehen haben. Unabhängig voneinander haben wir beschlossen, dass das genau richtig für uns wäre. Wir haben ein Album zuhause aufgenommen und dann ging es los.

"Lasst euch bloß nicht beschränken durch irgendwelche Regeln!"

Ihr habt schon früher zusammen Musik gemacht. In den Texten habt ihr euren Hass auf das Schulsystem verarbeitet. Was stimmt denn damit nicht?
Luis: Der Mensch ist von Natur aus neugierig und interessiert, will viel lernen, hinterfragt Dinge. Aber er möchte auch selbst entscheiden, wann er was lernt. Das ist in dem System nicht möglich! Der Lernstoff ist trocken und hat beinahe keinen Realitätsbezug mehr, wird uninteressant vermittelt. Außerdem wird die Verfahrensweise nicht mehr auf Forschung angelegt. Man bekommt Fakten vorgesetzt, die man für die nächste Klausur aufsaugt wie ein Schwamm und danach einfach wieder vergisst. Wir haben immer lieber Musik gemacht, diese erforscht und erschlossen.
Elias: Fakt ist, dass das Bildungssystem nicht mehr nach den Menschen gerichtet ist, sondern danach, was der Arbeitsmarkt braucht.

Ist ein Schulabschluss denn dann nicht so wichtig?
Luis: Für manche ist es wichtig, einen Punkt hinter ihre schulische Laufbahn setzen zu können. Vor allem, wenn man später studieren möchte. Wichtiger ist aber, dass man während der Schule herausfindet, was man eigentlich will, unabhängig vom Arbeitsmarkt. Für das Leben an sich nützt ein Abschluss nichts.

Also könntet ihr euch ein Studium nicht vorstellen?
Elias: Wir studieren ja die Musik! Nur nicht an der Uni. Dagegen haben wir uns ganz bewusst entschieden. Ein Freund meines Vaters hat Komposition studiert. Als er damit fertig war, hatte er eine riesige Blockade – er hatte alle technischen Handgriffe wohl gelernt, aber wusste nicht, wie er auf die richtigen Ideen kommen sollte! Ihm hat das Spielerische, Experimentelle gefehlt. Also hat er irgendwann alles Gelernte über Bord geworfen, angefangen darauf los zu klimpern und dann ging es wieder. Ich meine, ich mache auch Musik, habe aber keine Ahnung, was genau ich da tue. Es muss Spaß machen und wenn es schief klingt, ist das auch okay. Lasst euch bloß nicht beschränken durch irgendwelche Regeln!

"Jeder Mensch kann ein Künstler sein"

Ich denke, nicht jeder würde ein "einfach drauflos spielen" so gut hinkriegen. Kann man bei euch nicht von Talent reden?
Louis: Nein, darauf würde ich mich nicht beschränken. Das ist etwas, was in der Erziehung passiert. Unsere Eltern haben sich nie negativ über das geäußert, was wir gemacht haben. Wenn wir ein Pferd gemalt haben und das eben fünf statt vier Beine hatte, dann war das eben so! Dadurch lernt man eine gewisse Haltung zu dem, was man tut. Ich zum Beispiel habe das Gefühl, alles lernen zu können. Das liegt an meiner Einstellung zu den Dingen.
Elias: Jeder Mensch kann ein Künstler sein.

Was haben eure Eltern oder Freunde zu eurem ungewöhnlichen Werdegang gesagt?
Elias: Natürlich waren sie besorgt, weil sie nicht wussten, was passiert. Wir aber auch nicht. Aber prinzipiell haben wir genau das gemacht, was wir wollten – wir waren schließlich von daheim ausgezogen und so hatten unsere Eltern keinen Einfluss mehr. Per Handy waren wir immer erreichbar. Und durch unsere Reisen haben wir ein ganzes Netz an Freunden kennengelernt, bei denen wir mittlerweile einkehren und uns wohlfühlen können.

Jetzt seid ihr bei Universal unter Vertrag. Nerven die Verpflichtungen dem Label gegenüber?
Luis: In letzter Zeit wurde es tatsächlich ein wenig nervig. Unsere Zeit ist mit Terminen zugetaktet und wir müssen alles, was wir tun, absprechen. Aber das ist nicht dem Label vorzuwerfen – das gehört einfach dazu.

 


UNICUM Musiktipp

Guaia Guaia besteht aus den Neubrandenburgern Elias Gottschein und Carl Luis Zielke. Bekannt wurden die beiden durch den Film "Unplugged: Leben Guaia Guaia". Der Regisseur Sobo Swobodnik begleitete die beiden zwei Jahre lang auf ihrer Tour.Ihre Musik kann man als halbelektronischen Protestpop mit deutschen Texten bezeichnen. Ihr aktuelles Album "Eine Revolution ist viel zu wenig" ist seit dem 12. Juli im Handel erhältlich. Im Herbst geht es auf Tour – eine feste Bleibe haben die beiden immer noch nicht. Mehr Infos findet ihr unter www.guaiaguaia.de

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