Die Killerpilze im Interview
Erwachsen geworden: Die Killerpilze | Foto: Killerpilze/David Schlichter
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15. Apr 2012

Barbara Kotzulla

Musik

UNICUM Abi trifft: die Killerpilze

Track für Track: Das Trio über ihr Album "Grell"

"Wir wollen keine politische Band sein"

UNICUM: In dem Opener-Song "Jäger" heißt es: "In irgendeiner Haltung suchen wir Halt".
Killerpilze: "Jäger" war der erste Song, der für dieses Album fertig war und sollte dementsprechend auch den Beginn der Platte markieren. Der Song handelt von dieser Haltlosigkeit, dieser Hin-und Hergerissenheit der Jugend von heute, wenn man so will.  Einerseits ist es wichtig, Ideale zu haben und für diese zu kämpfen, aber oft werden diese Kämpfe eben nur intellektuell und selten durch wirkliches "Aufbegehren" ausgetragen. Eine Form der Politikverdrossenheit, dem Verstecken hinter Floskeln und Wünschen. Wir nehmen uns da selbst nicht aus. Wir wollen keine politische Band sein, dafür sind wir zu wenig informiert in vielen Dingen, aber es gibt Standpunkte, die vertreten wir mit aller Nachdrücklichkeit. Zum Beispiel durch unser Mitwirken bei "Kein Bock Auf Nazis".

Habt ihr während eurer Karriere eine andere Haltung eingenommen – insbesondere zum Musikbusiness?
Unsere Haltung hat sich insofern verändert, dass wir uns noch sicherer sind, mit dem was wir da auf unserem eigenen Label anpacken. "Ein bisschen Zeitgeist" war eine Platte, auf der wir uns komplett ausgelotet haben. Spielerisch, soundmäßig. Was ist möglich, was können wir bringen? Als wir gemerkt haben, dass danach sogar wieder Major-Plattenfirmen bei uns angeklopft haben, haben wir gemerkt: "Okay, da können wir ansetzen. Lasst uns diesen Weg weitergehen!" "Grell" ist für uns ein konsequenter nächster Schritt, das erste wirklich thematisch besetzte Album, aber auch ein Wagnis, weil wir uns darauf poppiger präsentieren, als man es je zuvor von uns gehört hat. Wir haben nach elf Jahren nicht mehr das Gefühl, irgendwem irgendetwas beweisen zu müssen. Uns ehrt, dass die Leute jetzt auf uns zukommen und uns eine Entwicklung attestieren. Mal sehen, wohin die Reise rein businesstechnisch noch geht. Wir verschließen uns nicht dem Interesse von Major-Plattenfirmen. Aber wir sind auch nicht bereit, viele Kompromisse einzugehen, weil wir merken: es funktioniert.

In "Grell", Song Nummer Zwei, heißt es: "Denn wenn ich das hier mach, vergess ich mich und fick mich wieder selbst"...
Da müssen wir mal mit einer Mär aufräumen: Es heißt "und FIND mich wieder selbst...".  Wir sind jetzt schon öfter gefragt worden, warum wir da "fick" singen, aber es liegt wohl einfach an unserer undeutlichen Aussprache (lachen). Es ist zu jedem Zeitpunkt im Leben wichtig, auf das zu hören, was einem selbst richtig erscheint. Kompromisslos und neugierig zu bleiben, ist immer wichtig. Warum nicht auch mal alles umschmeißen? Klar, das gehört dazu. Gerade heute ist es doch wichtig, flexibel zu sein und wendig zu bleiben. Da gehört dazu, auch mal einen Neustart zu wagen.

Wann könnt ihr euch selbst vergessen – auch abgesehen von der Musik?
Sport, mit Freunden abhängen, gute andere Platten hören, raus an die frische Luft und durchatmen. Aber eigentlich können wir ja nur Musik machen und dementsprechend vergessen wir uns da am liebsten. Gerade bei der Studioarbeit ziehen ja Stunden ins Land, wo man an einer Stelle rumbastelt, ohne dass man merkt, soeben mehrere Stunden "gearbeitet" zu haben.

Die Lieder auf "Grell" sind autobiografisch

"Der erste Liebeskummer ertränkt mit Aerosmith und Bier" lautet eine Textzeile aus "Die Stadt klingt noch nach uns". Ist das wirklich euer Rezept gegen Liebeskummer?
Ohne sich wiederholen zu wollen: Auch hier hat jeder seine eigenen Wege abzuschalten. Treffen tun wir uns aber bei der Musik. Zum Glück gibt es in unserem Leben relativ wenig Liebeskummer zurzeit, deswegen können wir uns den schönen Dingen widmen. Der Song handelt ja auch mehr davon, wehmütig auf diese ersten unbefangenen Jugendabenteuer zurückzublicken: Kumpels, die ersten Mädels, die ersten Abstürze, sich in den Armen liegen. Dieses romantisch verklärte Bild von Jugend. Hautnah, wie wir es erleben. Manchmal kann man verstehen, warum manche Menschen nicht vernünftig altern wollen. Ist ja auch einfach zu geil diese Zeit, in der wir gerade sind.

Ist der Song "Erster Zug nach Paris" autobiografisch?
Alle Lieder auf "Grell" sind sehr autobiographisch. Ohne es platt klingen lassen zu wollen, ist es die Platte die am nächsten abbildet, wo wir als Jo, Fabi und Mäx 2013 stehen. Uns war es wichtig, diese Gefühle einzufangen und mit Worten so abbilden zu können, dass auch andere Menschen aus jeder Geschichte und jedem Song etwas für sich herausziehen können. Wir haben früher sicher auch Themen behandelt, die wir beschrieben haben, um irgendwie einen Text für eine bestimmte Musik zu finden. Diesmal war die Herangehensweise komplett andersrum: Die Emotion, die Erfahrung bestimmt, wie der Song zu klingen hat. Vor sieben Jahren waren es die kleinen Schulhofgeschichten, das erste Mal verliebt sein. Heute heißt es: Wo geht die Reisen hin? Studieren oder Arbeit? Weg aus dem Heimatkaff, rein in die große Freiheit, feiern gehen oder mit der Freundin auf der Couch DVD schauen.

Ein Leben zwischen Hörsaal und Proberaum

"Wir sind da, wo die Musik ist, wo jeder Tag ein Lied ist" heißt es in "Nimm mich mit". Gab es je eine Alternative zu der Musik?
Jo studiert nebenbei Kommunikationswissenschaft, kennt viele Leute, steuert die Managementprozesse auf unserem eigenen Label und schreibt gerne. Fabi studiert an der Filmhochschule Produktion, schauspielert und produziert unsere Videos. Mäx hat die ganze Platte produziert und studiert Gitarre. Wir sehen, dass alles, was wir neben der Band machen positiv in den kreativen Prozess der Killerpilze einfließt. Die Inspiration ist da draußen. Manchmal fängt man sie eben eher ein, wenn man sich im Hörsaal langweilt, als wenn man verkrampft im Studio sitzt. Unser Ziel und unsere Leidenschaft war und ist immer die Musik. Zu jeder Tages- und Nachtzeit denken wir darüber nach, wie es weitergeht, wie der neue Song zu klingen hat usw. Wir sind definitiv auch bereit, uns voll auf die Musik zu stürzen. Wenn genügend Leute "Grell" kaufen, würden wir gerne den Luxus haben, nur noch zwischen Studio und Proberaum zu wählen. Wenn du uns fragen würdest: Uni oder Musik? Ganz klar: Immer Musik. Eine kleine Passage in "Sommerregen" lautet: "Wo geht es hin?" Gibt es einen Traum, den ihr euch noch erfüllen wollt?Auch wenn es uns schon wirklich lange gibt und sich mit der Zeit immer mehr Jugendträume erfüllen, haben wir noch viel vor. Uns fehlen noch die ganzen großen Festivals wie Rock am Ring. Irgendwann wollen wir die Olympiahalle in München füllen und vor allem wollen wir noch unfassbar viele künstlerisch wertvolle Alben veröffentlichen. Wir sind große Fans von Musik als "Gesamtprojekt". Wer weiß, wie unser nächstes Album klingt? Vielleicht entdecken wir Blues für uns und machen eine Johnny Cash-inspirierte Platte. Oder es steht die große Drogenphase an und wir veröffentlichen psychedelische Musik... es gibt noch so viele Pläne für die Killerpilze. Wir möchten alles ausprobieren und nie still stehen bleiben. Das ist wahrscheinlich der größte Traum: Irgendwann auf die eigenen Diskographie zurückblicken zu können und zu sagen: "Wow, 40 Jahre die gleiche Band, aber jede Platte hat ein eigenes Trademark."

Wie sieht es privat aus? I
rgendwann ein eigenes Studio, mit angeschlossenem Bandproberaum, W-Lan und Nespresso-Kaffeemaschine. Damit wären wohl schon so ziemlich alle Wünsche erfüllt. Wenn dann noch irgendwann die wunderschönen Frauen mit den kleinen Kids zum Grillen nach der Studiosession vorbeischauen, klingt das doch ziemlich perfekt, oder?

"Gute Musik ist wie Wasser, sie findet ihren Weg"

In "A.W.I.T.M." beschwört ihr: "Sie zu, dass du die neue Platte gut an den Mann bringst". Habt ihr Erwartungen an den Erfolg von "Grell"?
Unsere Erwartungen wurden schon vor Veröffentlichung schon übertroffen. Wir sind völlig überwältigt von der Resonanz der Leute und der Medien auf unsere Trailer, die erste Single und die Kampagne, die wir bisher aus eigener Kraft aufgezogen haben. Unglaublich viele Menschen, zu denen wir aufschauen, sind  zu uns gekommen und haben uns auf die Schulter geklopft. Das ist wunderbar.  Wir haben schon ziemlich viel an Idealismus reingepackt, aber es wäre vermessen, von den Leuten zu erwarten, dass sie das honorieren sollen. Gute Musik ist wie Wasser, sie findet ihren Weg.

Warum sollten Leute, die euch bisher noch nicht kannten/mochten reinhören?
Weil es das beste Projekt ist, dass diese drei Menschen hier je auf die Beine gestellt haben. Das Album riecht außerdem gut, man kann es wunderbar als Schutzschild und Visitenkarte nutzen und es sind Songs darauf, die man pfeifen kann. Ganz zu schweigen von den Texten. Die kann man sich diesmal sogar anhören (lachen).

Ihr Label ist für die Band die größte Revolte

"Das Leben wird in vollen Zügen geraucht" heißt es im Lied "Atomic". Hattet ihr jemals das Gefühl, in eurer Jugend etwas verpasst zu haben?
Wir hatten und haben die schönste Jugend, die man sich nur vorstellen kann. Wer kann sonst behaupten, dass man mit 16 schon durch Europa gereist ist und ausverkaufte Shows spielen darf, eine goldene Schallplatte hat und im 11. Jahr immer noch in einer Band spielt, die einen komplett erfüllt. Klar mussten wir auch irgendwo immer Abstriche machen, aber was bedeutet einmal feiern weniger im Vergleich zu dem schönsten Beruf der Welt. Außerdem wäre das "weniger feiern" ja gelogen (lachen). Wir möchten nichts missen und vor allem: there's still much more to discover! Wahrscheinlich bleiben wir sowieso immer Mitte 20 für alle Leute. Es hat ja auch lange genug gedauert, bis wir in der Öffentlichkeit mal Mitte 20 werden durften (lachen).

"Ich werde mich revolutionieren" singt ihr in "Lauf". Was war die größte Revolte, die ihr jemals angezettelt habt?
Wir haben unser eigenes Label gegründet und damit das ganze Musikbusiness umgekrempelt. Bald.

Weiter heißt es "Mein altes Ich ist explodiert" – ist das ein Statement zu den erwachseneren, reiferen Killerpilzen?
Das alte Ich muss manchmal explodieren, um das neue Ich zu entdecken. Auch wir haben immer wieder Phasen gehabt, wo wir uns neu sortieren, ausrichten und neue Seiten an uns entdecken mussten. Wir glauben, dass für jedes neue Album, für jeden neuen Song, ein kleiner Teil des eigenen Ichs explodieren muss, um neue Energie freizusetzen. Wir waren eine gehypte Teenieband, unbestritten. Um dahin zu kommen, wo wir heute vielleicht stehen, mussten wir auch explodieren, um den Leuten zu zeigen: "Wir sind nicht nur das, was ihr denkt, was wir sind." So ein bisschen Explosion macht ja den Kopf frei und gibt Power. Die braucht man im Musikbusiness oft.

Eine Liebeserklärung an den verstorbenen Vater

"Ich weiß nichts vom Himmel, weiß nichts vom Paradies" heißt es in der Ballade Himmel II. Gibt es jemanden, dem das Lied gewidmet ist?
Ja, das Lied ist dem Vater von Jo und Fabi gewidmet. Leider haben wir unseren Vater auf ziemlich tragische Weise vor zwei Jahren verloren. Mitten im Albumprozess. Es war lange Zeit gar nicht klar, wie es weitergehen soll und wie sich das auf die Band auswirkt. Die logische Entscheidung war, dass wir diesen Schmerz, diese Trauer, aber auch die wenigen positiven Seiten, die so ein Ereignis mit sich bringt, in Musik verarbeiten wollten. "Himmel II" war der schwierigste Song für das Album, weil es so ein Thema ist, das wir als Killerpilze so noch nie behandeln mussten oder konnten. Der Song ist auch als letzter fertig geworden und so wie er jetzt auf dem Album ist, sind wir sehr glücklich damit. Wichtig war uns vor allem, einen positiven Ausblick zu geben. Es ist also eine wirkliche Liebeserklärung an unseren Vater.

Welche Vorstellung habt ihr persönlich vom Paradies?
Wunderbar weiche Betten, wo man perfekt schlafen kann, keine Verpflichtungen, Musikinstrumente überall. Eine riesige Kommune, wo Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Jim Morisson, Joe Strummer, unser Vater, wir und alle anderen lieben Menschen, die wir lange Zeit nicht gesehen haben, zusammensitzen, feiern, musizieren, schlechte Hollywood-DVDs schauen und es Fanta aus Springbrunnen zu trinken gibt. So vielleicht?

Zum Abschluss frage ich nach der Textzeile "Wir rauchen einen Joint zusammen" aus "Himmel III". Wie ist denn eure Einstellung zu Drogen?
Wir sind keine Moralapostel und auch nicht fehlerfrei. Jeder sollte für sich selbst die Erfahrungen sammeln und seine Grenzen ausloten. Das Wichtigste ist und das gilt für alles: Entscheidend ist, wie sehr man Maß hält! Und ob wir die Richtigen sind, um das zu beantworten? Wir sind doch schon wieder völlig besoffen... (lachen)


UNICUM Musik-Tipp

Killerpilze

Grell

südpolmusic GmbH

VÖ: 01.03.2012

Für Fans von: deutscher Rockmusik mit ordentlich Energie

killerpilze.de

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