Deichkind im Interview
Deichkind: Auch in Interviews zu Späßen aufgelegt | Foto: Jonas Lindström
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04. Mai 2015

Christina Scholten

Musik

UNICUM ABI trifft: Deichkind

Komm spielen mit Deichkind

Möge das Spiel beginnen...

Interviews mit Promis sind immer so eine Sache für sich. Zwischen exzentrischen Vielredner und schüchternen Denkern trifft man als Journalist auf die unterschiedlichsten Gesprächspartner. Und dann sind da noch Deichkind. Bei ihnen gibt es anstatt üblicher Interviewsituationen auch schon mal ein Glücksrad für ihr Gegenüber. Mit Schnaps trinken, Freikarten gewinnen oder einem neuen Haarschnitt – so erlebte es meine Kollegin Merel bei ihrem letzten Interview mit den selbsternannten Tech-Rappern.

Ich habe also mit dem schlimmsten gerechnet, als ich das Hotel in Berlin Friedrichshain betrat, in dem das Interview stattfinden sollte. Und dort lag – groß und selbstgebastelt – tatsächlich eine Bildercollage mit kleinen Aufgabenfeldern auf dem Tisch. Die Spiele konnten also beginnen. La Perla, der eigentlich Henning Besser heißt und Regisseur bei Deichkind ist, muss anfangen. Zwei Felder, los. "Rasiere einem fremden das Bein." Er schaut mich erwartungsvoll an, ich schaue panisch zurück und denke an meine unrasierten Beine. Mein Schweißanfall ebbt erst wieder ab, als klar wird, dass niemand einen Rasierer dabei hat.

Das Klassenkasper-Gen

Das ist eine Ausnahmesituation. Eine, die sich gut anfühlt. Denn Deichkind agieren vielleicht ein bisschen verrückter als andere Künstler, sind aber höfliche und anständige Menschen. Und wundern sich manchmal über sich selbst. Zum Beispiel, wenn es kreative Spontan-Antworten mit hohen Lügenanteil geht, die meistens von Porky kommen: "Also bei uns ist es ja mittlerweile so, dass man morgens aufsteht, dann kommt jemand, der einem aus dem Bett hilft, dann klatscht man zwei Mal in die Hände, dann kommen Leute an, die einen anziehen," erklärt er auf die Frage, wie Deichkind an ihre Kostüme kommen. Kryptik Joe aka Philipp Grütering starrt ihn von der Seite an: "Das finde ich richtig gut. Ich könnte nie so antworten."

Porky: "Das ist das Klassenkasper-Gen, das ich hab." Kryptik Joe: "Für mich ist das manchmal eine echte Herausforderung. Letztens standen wir an einer Bar und haben jemanden kennen gelernt, der wissen wollte, was wir beruflich machen. Porky hat geantwortet, das wir Polizeitaucher seien und ist dann einfach abgehauen. Und ich stand da und musste Fragen rund um das Polizei-Tauchen beantworten." Er sei eben nicht so der spontane Typ, sagt er dann und schiebt hinterher, dass er sich inzwischen damit abgefunden hätte. Und weil hinter der ganzen Durchgeknalltheit doch eine Menge Reflexion steckt, erklärt Porky: "Ich habe irgendwie die Erfahrung gemacht, dass man mich nicht erkennt. Ich bin kein "Gesicht". Und wenn ich Leuten dann erzähle, was ich mache und wer ich bin, geht es den Rest der Unterhaltung nur noch darum. Deshalb denke ich mir lieber was aus."



"Remmi-Demmi ist eine Nummer, für die bin ich dankbar."

Das sind eben Deichkind: Was im ersten Moment ziemlich stumpf erscheint, ist bei genauerem Hinhören ziemlich clever. Denn hinter der tanzbaren Musik stecken einige gesellschaftskritische Seitenhiebe, auch auf dem neuen Album. Die Ironie muss nur decodiert werden. Aber ernst können sie auch sein, wie bei der Frage, ob "Remmi Demmi" sie langsam nerven würde. Es ist wieder Porky, der antwortet, während LaPerla im Hintergrund versucht, doch noch einen Rasierer zu organisieren: "Nein, das nervt mich nicht. Lampenfieber nervt. Und Wegsein von zu Hause nervt mich. Aber Remmi-Demmi ist eine Nummer, für die bin ich dankbar."

Seine Worte gehen fast in der Geräuschkulisse des Telefonats unter, das La Perla mit dem Manager führt: "Yo Digga," ruft er übertrieben laut. "Ich bin’s. Kannst du an der Rezeption mal nach Einmalrasierer fragen? Hervoooorragend, herzlichen Daaank. Und noch Rasierschaum!" Ich stelle mir kurz vor, wie ich der Redaktion erklären muss, dass die restliche Interview-Zeit fürs Beine-Rasieren drauf gegangen ist – lieber schnell die nächste Frage-Karten von "Wahrheit oder Schnaps" verteilen.

"Woher kann La Perla das alles?" steht da drauf und bezieht sich auf die ausgefallenen Bühnenelemente, für die Deichkind bekannt sind und die sie selbst produzieren. "Er hat es geübt. Erst wurde von seinem Vater geschliffen. Dann ist er in eine Pflegefamilie hinein geraten, wo ihn der Pflegevater noch mal geschliffen hat. Dann ist er an einen Ingenieur geraten, der ihm Aufgaben gegeben hat, und die hat er gemacht, bis er es konnte. Und dann hat er sich Sachen ausgedacht und gebaut. Mit Ferris MC zusammen. Ferris ist Handwerker, er hat eine Ausbildung als KFZ-Mechaniker gemacht." antwortet der selbst. Und Porky fügt hinzu: "Ferris ist der einzige in der Gruppe, der eine abgeschlossene Berufsausbildung hast."

"Schick jemanden in die Hölle und bestimme Opfer und Feld"

Nun bin ich an der Reihe. Acht Felder nach vorne – und ich kann die Frage vor lauter Lachen fast nicht vorlesen: "Eine Person muss einer anderen wie ein Hund ans Bein rammeln," lautet die nächste Spielanweisung. "Das ist richtig unangenehm", nuschelt Kryptik Joe. Doch wer mir die Beine rasieren will, muss auch solche Spielaufträge erfüllen. Nach einem kurzen und absurden Szenario, wie Porky und La Perla sich anrammeln, geht es weiter im Spiel.

La Perla ist dran und zieht die Karte: "Schick jemanden in die Hölle und bestimme Opfer und Feld." Porky ist das Opfer, ich atme auf. Die neue Aufgabe: "Kielhole ein fremdes Handy!" Porky bricht in lautes Gelächter aus. "Kiehlholen war früher eine Strafe bei den Piraten. Wenn jemand ein Verbrechen gegen das Boot begangen hat, wurde er an der einen Seite des Schiffes herunter gelassen und unter dem Schiff durchgezogen." Und Porky muss dies nun mit dem Handy machen, nur, dass sein Hinterteil das Schiff bildet. Kamera an, los geht‘s, Porky nimmt La Perlas Handy, steckt es vorne in die Hose und versucht es durch unelegante Körperbewegungen mit dem Arm von hinten aus der Boxershorts wieder hochzuziehen.

"Ich muss dazu sagen, ich bin heute Morgen aus dem Bett gefallen und habe noch nicht geduscht." Die Kamera ist während der Aktion glücklicherweise ausgegangen – und es ist an der Zeit, sich zu verabschieden, bevor doch noch ein Rasierer auftaucht. Ich bekomme noch eine gemischte Tüte mit Süßigkeiten und einem MP3-Stick in die Hand gedrückt: "Mit unserer Lieblingsmusik drauf!" sagt La Perla. Zum Dank lasse ich meine Flasche Pfefferminz-Schnaps da – vielleicht kommt sie ja bei der nächsten Partie zum Einsatz.


Deichkind Niveau Weshalb WarumUNICUM Musik-Tipp

Niveau Weshalb Warum

Deichkind

Sultan Günther Music (Universal Music)

VÖ: 30. Januar 2015

Anspieltipps: Denken sie groß, Mehr als lebensgefährlich

Mehr Infos: http://www.deichkind.de/ & https://www.facebook.com/Deichkind?fref=ts

 

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