Prinz Pi Im Westen Nix Neues
Vom Underground-Pionier zum Nummer-1-Rapper: Prinz Pi aka Prinz Porno | Foto: David Daub
Autorenbild

29. Jan 2016

Sascha Gull

Musik

Prinz Pi: Im Westen Nix Neues

Der Berliner Rapper ganz persönlich im Interview

"Manche Themen begleiten einen das ganze Leben"

UNICUM Abi: "Im Westen Nix Neues" ist mittlerweile dein 13. Studioalbum. Mit welcher Vision hast du dich an die Arbeit gemacht?
Prinz Pi: Ich weiß nicht, ob ich eine klare Vision hatte. Aber es gibt Themen, die begleiten einen das ganze Leben. Das Thema Liebe ist in unterschiedlichsten Formen immer aktuell – ob man seine Kinder liebt, seine Partnerin oder später seine Enkel. So ist das auch auf diesem Album. Es erzählt viele Geschichten über die Liebe – aus einem mittlerweile reiferen Blickwinkel.

Du bist studierter Kommunikationsdesigner und kümmerst dich gerne selbst ums Artwork. Bist du bei der neuen Platte auch wieder fürs Design verantwortlich?
Ich gestalte natürlich mit, aber ich hole mir gerne talentierte Kollegen dazu, die mich unterstützen. Fürs Artwork habe ich mir dieses Mal drei junge Grafikdesigner aus Hamburg ins Boot geholt, die ein gutes Auge für Typographie haben. Auch für meine Videos suche ich mir Regisseure und Kameraleute, denen ich vertraue und mit denen ich meine Ideen umsetzen kann. Das entsteht dann quasi alles wie in einer Künstler-Kommune (lacht).

Dein einziger Feature-Gast ist Phillip Dittberner. Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Ich hab irgendwann mal rausgefunden, dass Phillip aus meiner alten Berliner Nachbarschaft stammt. Eigentlich mag ich Gesang in Rapsongs nicht so gerne. Mein Kollege SIDO macht ja öfter was mit Mark Forster oder Andreas Bourani, und bei seinen Songs passt das ganz gut. Aber bei meiner Musik hatte ich für Gesang bis jetzt eher Scheuklappen auf. Am Anfang hatte ich den Refrain selber gesungen. Das klang dann doch eher suboptimal. Dann habe ich mich umgeguckt – wer könnte das singen? Und kam auf Phillip. Ich finde, er hat eine sehr angenehme, zurückhaltende Art zu singen – und drängt sich nicht so R. Kelly-mäßig mit ausgebreiteten Armen in den Vordergrund (lacht).

Für Prinz Pi hat deutscher Hip-Hop derzeit wahnsinnig viele Facetten

Du bist mittlerweile seit über 15 Jahren als Rapper aktiv. Wie hat sich die deutsche Rap-Szene im Laufe der Zeit verändert? Welche Entwicklungen beobachtest du?
Mittlerweile ist Hip-Hop in Deutschland sehr abwechslungsreich, das finde ich total geil. Man hat New-School-mäßige Sachen wie Cloud-Rap. Dann gibt’s Straßen-Rap, der auch immer vielfältiger wird und von SSIO oder der 187 Straßenbande auch ein bisschen lustiger interpretiert wird. Bushido aus Berlin mit seinem ganz eigenen Sound. Und Künstler mit persönlicher Musik: Casper, Marteria – mich zähle ich auch dazu. Dann gibt es noch K.I.Z., die krasse Abriss-Musik machen … es gibt momentan einfach wahnsinnig viele Facetten.

Schon vor einiger Zeit hast du dein eigenes Label "Keine Liebe Records" gegründet und bist ohne Major im Rücken bis an die Spitze der Charts geklettert. Was rätst du jungen, talentierten Musikern? Ist es heute dank Youtube und Co. einfacher, gehört zu werden, als zu deinen Anfangszeiten?
Als Musiker braucht man heute die klassische Vermarktungsmaschinerie bis zu einem gewissen Punkt nicht mehr wirklich. Wenn irgendwas auf Youtube richtig einschlägt und die Leute das mögen – das ist so eine Art Demokratisierung. Das wird dann geklickt und verbreitet, ohne dass da eine Plattenfirma im Rücken sitzt. Wenn aber jemand die steile Pop-Karriere anstrebt mit tollen Videos, tollen Foto-Shootings und großen Festival-Gigs – dann kommt man nicht um die großen Plattenfirmen herum.

Du erzählst, dass du früher Erfahrung mit Ausgrenzung gemacht hast und dass du "Musik für Außenseiter" machst. Damit bist du aber sehr erfolgreich und scheinst einen Nerv zu treffen. Glaubst du, dieses Ausgrenzungsgefühl ist heute bei vielen nicht zuletzt durch soziale Netzwerke stärker geworden?
Interessante Frage. Ich weiß nicht, ob soziale Netzwerke gerade Außenseitertum befördern, zumindest ist es aber ein Fallenlassen von selbstgesetzten Grenzen. Früher hat man seine Privatsphäre um alles in der Welt geschützt. Man wollte nicht, dass irgendwer private Fotos sieht, die eigenen Kinder, das eigene Zuhause. Heute tragen die Leute das alles mit voller Bereitschaft nach außen. Youtuber verdienen horrende Summen damit, dass sie profane Sachen zeigen, wie ihre eigene Wohnung und ähnliches.



Grenzerfahrungen und Vergänglichkeit

Viele deiner Texte beschäftigen sich mit dem Erwachsenwerden und der ersten Liebe. Du selbst bist keine 20 mehr. Meinst du, du kannst dich noch gut in die Gefühlswelt eines Teenagers zurückversetzen?
Das weiß ich nicht. Aber das will ich auch gar nicht. Ich glaube, dass die Gefühlswelten von einem Teenager und von einem 50-Jährigen mehr Parallelen haben, als man zugeben möchte. Es gibt Leute, die sind zwanzig Jahre verheiratet und haben dann plötzlich Bock, für jemand neues ihre Ehe und alles zu canceln und benehmen sich wieder wie ein 13-Jähriger. Schicken Nachrichten mit zig Emoticons. Liebe ist immer jung und frisch und da ist es scheißegal, wie alt man ist. Über die Liebe kannst du in jedem Alter schreiben.

Ein Leitmotiv in deiner Musik ist neben der Liebe die Vergänglichkeit. Gehört beides für dich zusammen? Und wird Endlichkeit als Thema mit zunehmendem Alter wichtiger?
Auf jeden Fall. Man kriegt den Tod ja andauernd vorgehalten. Genauso wie in meinem Fall ab und an mal 'ne Geburt (lacht). Der Beginn eines Lebens ist ein so einschneidendes Erlebnis, das man erstmal irgendwie verarbeiten muss. Genauso, wie wenn ein Leben aufhört. Letztes Jahr ist beispielsweise mein Hund gestorben und mein Sohn wurde geboren. Beides waren Grenzerfahrungen – die eine negativ, die andere sehr positiv.

Auf dem Album malst du in vielen Songs ein sehr pessimistisches Bild. So heißt es im Track "Im Westen Nix Neues" etwa: "… von hier an illusionslos für mein weiteres Leben." Ist unsere Situation so hoffnungslos?
Die Situation ist schon seit Jahren beschissen. Es ist ja so, dass die Leute so uninteressiert sind an Politik und an allem, was außerhalb der eigenen vier Wände passiert. Wenn in Köln was passiert, schreit der Deutsche laut auf. Aber wenn etwa in Damaskus was passiert – dann ist das völlig egal. Das hat man beispielsweise gemerkt, als in Paris die Anschläge waren und 130 Leute gestorben sind – was natürlich wahnsinnig tragisch ist – aber es sind doch jede Woche in Damaskus mehr Leute gestorben auf noch bestialischere Art und Weise und da hat hier kein Hahn nach gekräht.

"Viele Menschen sind einfach geistig unbeweglich"

In Deutschland erfahren gerade rechte Bewegungen wie AfD und Pegida viel Zulauf. Du hast dich früher in der linken Szene engagiert und bist demonstrieren gegangen. Glaubst du, dass sich die Jugend heute klarer positionieren und wieder häufiger auf die Straße gehen sollte?
Definitiv. Viele Menschen sind einfach geistig unbeweglich und nur für Nachrichten empfänglich, die auf irgendeine Art radikal sind. Wenn du denen eine total einfache Antwort auf so eine innere Grundangst gibst, wie in diesem Fall "die Flüchtlinge sind schuld!" oder "Politiker xy ist schuld!", dann rotten die sich sofort zusammen, freuen sich über die einfache Antwort und demonstrieren dagegen mit der Hoffnung: "Wenn die Ausländer erstmal weg sind, dann wird hier alles gut." Das ist ein typisches Symptom von Kontrollverlust. Die Leute sind so ungebildet und uninteressiert, dass sie das ganze politische Geschehen der letzten Jahre auf der Welt gar nicht erfassen konnten. Und jetzt stoßen sie auf das Chaos, weil man sie mit der Nase darauf drückt und man das Thema nicht mehr ignorieren kann. Ich würde mir wünschen, dass sich die Leute selbst hinterfragen und erkennen könnten, dass es ganz so einfach nicht ist.

Deine Tochter kommt so langsam in ein Alter, in dem sie deine Musik hören und dir Fragen stellen wird – wie wirst du ihr deine Sicht auf die Welt erklären?
Ich finde, gerade das neue Album sagt: "Guck mal, die Welt ist schon ein dunkler, bedrohlicher Ort. Aber bis jetzt haben wir auch viel hingekriegt. Und man kann hier seine Ecke finden, wo man sich alles erträglich machen kann." Das ist für mich der Hoffnungsschimmer, den man immer noch hat. Und genau das versuche ich, in meiner Musik abzubilden.



Sein Kinderbuch ist fertig, ein Roman folgt

Du hast dich letztes Jahr zurückgemeldet mit deinem Alter Ego "Prinz Porno". Wer ist eigentlich Prinz Pi – und wer ist Prinz Porno?
Prinz Pi bin zu 95 Prozent ich als Mensch. Als Prinz Pi sage ich Dinge, die ich auch als Privatperson denke und fühle. Und Prinz Porno ist eine Spielwiese für mich um zu zeigen, dass ich gut rappen kann und anderen zu zeigen, dass sie schlechter rappen können als ich (lacht).

Wird Prinz Porno denn nochmal zurückkommen?
Das weiß ich noch nicht. Ich hab das Prinz Porno-Album ja nicht groß promotet, sondern einfach so rausgebracht und ein, zwei kleinere Videos dazu gemacht. Das ist für mich einfach ein lässiges Ding. Wenn man sich sonst so 'nen Kopf macht wie ich bei den ganzen Prinz Pi-Texten, dann ist das ganz schön, so ein Projekt zu haben, wo man sich raptechnisch austoben kann.

Du giltst als einer der besten Storyteller in Deutschland und hast bereits anklingen lassen, dass du ein Kinderbuch geschrieben hast und seit längerer Zeit an einem Roman arbeitest. Wie geht’s voran?
Mein Kinderbuch ist fertig, wird gerade illustriert und kommt ungefähr Mitte dieses Jahres raus. Es ist noch nicht sicher, wie ich es veröffentliche, aber ich habe da schon eine ungefähre Idee. Und meinen Roman, den veröffentliche ich wohl unter einem Pseudonym. Damit keiner so wirklich mitkriegt, dass der von mir ist. Das ist schon wirklich starker Tobak. Ich weiß nicht, ob ich das vermischen will mit meiner Arbeit als Musiker.

Also brauchen deine Fans keine Angst haben, dass deine Geschichten bald nur noch in Buchform erscheinen und du der Musik den Rücken kehrst?
Nein, das auf keinen Fall!

Prinz Pi, danke fürs Gespräch!


UNICUM Abi Musik-Tipp

Im Westen Nix Neues

Prinz Pi

Keine Liebe Records

VÖ: 5. Februar 2016

Online bestellen (Amazon): Im Westen Nix Neues

Mehr Infos: prinzpi.biz oder facebook.com/prinzpi23

Artikel-Bewertung:

3.01 von 5 Sternen bei 125 Bewertungen.

Deine Meinung:

Veröffentlicht am 18. Feb 2016 um 13:09 Uhr von IgittBaby
Puh, bei euch war er ja richtig zahm. Bei uns nur richtig mies drauf: igittbaby.de/prinz-pi-im-schlecht-gelaunten-interview/