Jamie-Lee Kriewitz Interview
Holt Jamie-Lee mit "Ghost" beim ESC 2016 den Sieg? | Foto: Michael Zargarinejad/Universal Music
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09. Mai 2016

Steffen Rüth

Musik

Jamie-Lee Kriewitz: "Ich denke, dass ich auffallen werde"

Die deutsche ESC-Teilnehmerin im Interview!

"Ich mache einfach mein Ding"

UNICUM: Jamie-Lee, du vertrittst Deutschland beim Eurovision Song Contest am 14. Mai. Was hast du dir für den Wettbewerb vorgenommen?
Jamie-Lee Kriewitz: Ich hoffe erstmal, dass ich genug Zeit habe, mir die Stadt anzugucken. Denn ich war noch nie in Stockholm. Und ich freue mich darauf, die anderen Kandidaten kennenzulernen.

Du fährst natürlich nicht zum Spaß dahin.
Naja, ein bisschen schon auch, oder? So richtig aufgeregt werde ich wahrscheinlich erst sein, wenn ich in Stockholm gelandet bin. Im Wettbewerb versuche ich natürlich, so weit nach vorne zu kommen wie möglich. Aber ich habe keine bestimmte Erwartungshaltung. Man weiß ja nie, wer alles vor dem Fernseher sitzt und zum Hörer greift.

Freust du dich denn schon auf den ESC?
Ja klar. Es ist ja immer mein Traum gewesen, mit der Musik erfolgreich zu sein. Diese Chance hat nicht jeder. Ich genieße das gerade alles sehr, es ist ja super interessant. Allerdings habe ich gerade erst damit angefangen, das überhaupt sacken zu lassen, was in den vergangenen Monaten passiert ist. Das fühlt sich immer noch ganz schön irreal an. Und es passiert ja auch ständig so viel Neues.

Holst du dir Tipps für den ESC, zum Beispiel von Lena Meyer-Landrut oder von Conchita Wurst?
Nein. Ich bin eher so drauf, dass ich selber gucken und mich überraschen lassen will. Ich mache einfach – ohne mich zu verstellen – mein Ding und das, worauf ich Bock habe.

Wer deinen Auftritt sieht, der vergisst ihn jedenfalls nicht mehr.
Das hoffe ich auch! (lacht) Ich denke schon, dass ich ein bisschen auffallen werde. Die Bühnenshow und mein Outfit werden herausstechen.



Deine Klamotten sind in der Tat sehr außergewöhnlich. In Hannover bekommst du die nicht, oder?
Nein, da hast du recht. In Hannover gibt es sowas nicht. Ich bestelle die meisten Sachen aus Japan und Korea. Seit einiger Zeit habe ich jetzt auch eine Stylistin, die hat diesen Stil total verstanden. Ein paar Dinge muss man dabei nämlich beachten.

Was denn?
Dass man Kniestrümpfe trägt, Spangen im Haar, generell viele verspielte Accessoires und eigentlich immer einen Rock.

Decora Kei heißt dein Stil, der Ursprung liegt in Südkorea. Ziehen sich deine Freunde auch so an?
Ja, viele schon. Das ist jetzt aber nicht so eine wirkliche Szene, sondern einfach die Mode, die wir lieben. Einige kleiden sich auch als Manga- oder Anime-Figuren, das mache ich nicht. Mein Style hat nicht unbedingt was mit Animes oder Mangas zu tun, das ist nur eben der Style aus Japan und Korea.

Du solltest da unbedingt mal hin.
Wem sagst du das. (lacht) Ich möchte unbedingt nach Korea. Am besten auch gleich nach Japan, wenn ich schon mal in der Gegend bin. Die Kultur dort ist so toll. Ich liebe zum Beispiel auch den koreanischen K-Pop.

Ab nach "Berlin"

Dein erstes Album heißt nun allerdings nicht "Seoul", sondern "Berlin". Warum?
Der Titelsong ist im Original von dem Singer/Songwriter Ry X, den ich sehr gern mag. Ich stehe insgesamt eher auf Sachen, die nicht jeder hört, in den Charts zum Beispiel kenne ich mich nur wenig aus. Ich höre eher Indiepop.

Wie würdest du dein eigenes Album beschreiben?
Es bleibt im Pop-Genre, geht aber ein bisschen in die traurige, emotionale Richtung. Viele akustische Songs wie "Berlin" sind dabei, auch ein paar Stücke mit Electrobeats. Ich würde sagen, es ist nicht allzu Mainstream, aber auch nicht zu schräg.

Selbst "Ghost" hat ja was Melancholisches.
Auf jeden Fall. Ich liebe Melancholie. Ich bin ein Mensch, der sehr viel nachdenkt, ein totaler Gefühlsmensch. Ich brauche viel Auf und Ab im Leben.

Handelt "Home" von deinem Dorf Bennigsen?
Nein, "Home" ist eher bezogen auf einen sicheren Platz, den man sich zu zweit schafft. In dem Lied geht es ums Geborgensein, um das Gefühl, zusammen und beim anderen gut aufgehoben zu sein.

Planst du denn schon den Umzug nach Berlin?
Ehrlich gesagt, ja. Ich will unbedingt nach Berlin ziehen. Wann genau das passieren wird, steht aber noch nicht fest.

Warum Berlin?
Weil Berlin mir total gut gefällt. Ich liebe das Stadtleben, ich mag es, wenn es laut ist und immer was los. In Berlin entdecke ich an jeder Ecke neue Sachen. Und für mich als Veganerin ist es dort supereinfach, leckeres Essen zu bekommen.

Jamie-Lee Kriewitz Outfits

Endlich 18: Nie mehr Muttizettel!

Du bist für viele junge Leute, speziell Mädchen, ein Vorbild. Musst du aufpassen, wie du dich in der Öffentlichkeit benimmst?
Ja. Vor allem im Netz schreiben mir viele sehr junge Leute, dass ich ihr Vorbild bin. Ich glaube schon, dass ich diesen Leuten gegenüber eine Verantwortung habe und achte ein bisschen darauf, was ich tue und sage. Ich werde aber trotzdem weiter ich selbst bleiben und das machen, wozu ich Lust habe.

Du bist Mitte März 18 geworden. Wie groß ist der Unterschied zum 17 sein?
Bisher habe ich den Unterschied noch gar nicht mitbekommen. Das einzige, was wirklich anders ist: Ich kann endlich ohne Muttizettel abends in den Club gehen. 

Was ist denn ein Muttizettel?
In manche Clubs kommst du ab 16 schon rein, aber nur, wenn du einen von den Eltern unterschriebenen Zettel dabei hast, auf dem steht, dass jemand über 18 mit dabei ist und auf einen aufpasst.

Einen solchen Schrieb kannst du doch superleicht fälschen.
So etwas traue ich mich nicht. (lacht) Meine Eltern haben mir das Weggehen sowieso immer erlaubt, und meine Freunde sind eh alle älter als 18, so schwierig war das alles gar nicht.

Und jetzt kannst du die Aufpasserin für die Jüngeren sein.
Könnte ich. Aber ich glaube, ich habe gar keine Freunde, die jünger sind als ich. Keine Ahnung warum, aber das war schon immer so. Vielleicht hatte ich immer Bock, mit Älteren rumzuhängen, weil ich es cooler fand. Manchmal habe ich mich dann auch selbst älter gefühlt. Aber in den Muttizettelmomenten merkte ich dann eben doch, wie jung ich noch bin.

Wie fanden deine Eltern es denn, dass du bei "The Voice of Germany" teilnimmst?
Meine Eltern standen von Anfang an voll dahinter. Die finden das gut, was ich mache und unterstützen mich seit Anfang an. Mein Vater ist Schlagzeuger, er spielte schon in vielen Bands, meistens Punkrock.

Steht ihr gelegentlich zusammen auf der Bühne?
Tatsächlich haben wir uns mal für ein Dorffest zusammengeschlossen, er, ein paar Kumpels von ihm und ich. Dieses Projekt ging dann noch weiter, bis für mich "The Voice" losging.

Bloß keine Starallüren!

Ist die Bühne deine natürliche Umgebung?
Ja, ich liebe die Bühne. Mit zwölf bin ich in den Gospelchor "Joyful Noise" eingetreten, wir hatten direkt Auftritte in Hannover, und ich fand es immer schon schön, wenn die Leute für uns applaudierten. Auf der Bühne bin ich in meiner Welt, mir macht das extrem viel Spaß. Und ich habe zum Glück noch nie die Erfahrung gemacht, dass mich das Publikum mal nicht mochte.

Wieso kommst du so gut an bei den Leuten?
Das kann ich selbst nicht genau sagen. Wahrscheinlich ist es die Kombination aus Stimme, Style und dieser Art, von der die Leute sagen, sie sei sympathisch und bodenständig.

Also noch keine Starallüren?
Bloß nicht! Ich frage meine Liebsten schon immer, ob ich noch auf dem Boden bin oder ob sie mich schon komisch und abgehoben finden. Mir ist es wichtig, dass ich so bleibe, wie ich bin.

Wie geht es eigentlich mit der Schule weiter?
Wegen der Fehlzeiten bei "The Voice" musste ich das Abi verschieben, also das Schuljahr wiederholen. Dass ich irgendwann mein Abitur mache, steht für mich fest. Nur wann das sein wird, das steht ein bisschen in den Sternen. Wenn es jetzt sehr gut klappen sollte mit der Musik, muss ich gucken, wie sich das vereinbaren lässt.

Stellst du dir manchmal vor, wie es sein wird, in Stockholm zu gewinnen?
Ach nein, eigentlich nicht. Um mir das vorzustellen, muss ich erst dort sein. Ich weiß, dass ich nach dem ESC eine kleine Tournee machen werde. Vielleicht habe ich ja das Glück, auch international gut anzukommen und auch aus dem Ausland Angebote zu bekommen. Das wäre superschön. Auf jeden Fall ist der ESC eine große Chance für mich.


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Jamie-Lee Kriewitz

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