NieR: Automata Games Review
Gemeinsam mit 2B wandern wir durch die Open World von Nier | Alle Fotos: © Square Enix

Games

24.04.2017

Power-Frauen Videogames

Von wegen Männerdomäne: Powerfrauen in Videospielen

Immer häufiger besetzten starke Frauen in Videospielen die Hauptrolle. Wir zeigen euch die Top 6 Powerfrauen, in deren Rolle zu schlüpfen, ihr keinesfalls verpassen sollt ... mehr »

Autorenbild

26. Apr 2017

Stefan Schröter

Games

NieR: Automata

Zwischen Philosophie und Kampfgetümmel

NieR: Automata – Es war einmal die Zukunft

Die Erde im Jahr 11945: Ein scheinbar ewig währender Krieg tobt zwischen von Außerirdischen geschaffenen Maschinen und den YorHa, den von Menschen gebauten Androiden, die die Erde zurückerobern sollen. Die Menschheit hat sich auf den Mond zurückgezogen und ist abhängig von Nachschublieferungen von der Erde. Wir begleiten YoRHa No. 2 Type B, kurz 2B, die auf die verwüstete Erde gesandt wird, um den Kampf gegen die Maschinen an vorderster Front zu führen. Dabei wird sie von dem Scout-Modell 9S begleitet, der sie auf ihrer Mission unterstützt. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass die Maschinen mehr zu sein scheinen als blindwütige Killermaschinen.

NieR:Automata spielt in der gleichen Welt wie der Vorgänger Nier, allerdings viele Jahre in der Zukunft. Neueinsteiger brauchen also kein explizites Vorwissen des 2010 erschienen Action-Rollenspiels. Da der Vorgänger allerdings an und für sich schon ein lohnenswertes Erlebnis ist, um in das Gesamtwerk des Serienschöpfers Taro Yoko einzusteigen, sei hier schon einmal eine ganz klare Kaufempfehlung ausgesprochen.

Wir erkunden mit 2B und 9S die Erde der Zukunft in einer offenen Welt, die – im Gegensatz zu vielen Genre-Vertretern – nicht vollgestopft ist mit Sammelgegenständen, Türmen und Missionen, sondern in erster Linie dem Erkunden dient. Es gibt allerhand zu entdecken und die Open-World von NieR: Automata gibt einen guten Eindruck davon, was seit dem Verschwinden der Menschheit auf unserem Planeten passiert ist: Ruinen von Wolkenkratzern, wilde Tiere und verfallene Fabriken zeugen von der Zerstörung durch die Maschinen. Dabei werden die beiden Androiden sowohl von ihrer Kommandantin als auch von verschiedenen Nebencharakteren auf Missionen geschickt. Diese bestehen meist daraus, Objekte zu sichern, bestimmte Gegner zu besiegen oder verschwundene Charaktere zu finden.



Menschliches, Allzumenschliches

Hier glänzt das Action-Rollenspiel mit einer seiner größten Stärken: Die kleinen Geschichten hinter den Nebenquests. Mechanisch erwartet hier niemanden eine Offenbarung, viele Aufgaben sind nur Hol- und Bring-Quests, die aber dank des fantastischen Kampfsystems trotzdem Spaß machen. Der Höhepunkt (oder Tiefpunkt) dieser Aufgaben sind jedoch die Charaktere und ihre Geschichten, die von lustig über tragisch bis deprimierend reichen. Getragen von einem unglaublich guten Soundtrack hat das Team um Taro Yoko hier bewegende Momente geschaffen, die die Gesamtatmosphäre des Spiels stützen.

Doch auch abseits der Nebenquests beschäftigt sich das Spiel mit existenzialistischen Themen und hinterfragt ständig, was es heißt, ein eigenes Bewusstsein zu haben und wo eigentlich der Unterschied zwischen Maschinen, Androiden und Menschen liegt. Dabei werden Jean-Paul Sartre, Nietzsche oder Simone de Beauvoir nicht nur des Namedroppings wegen genannt, sondern fügen sich sinnvoll in die Geschichten ein. Allerdings sind Happy Endings nicht gerade Taro Yokos Stärke und so entwickelt sich NieR: Automata immer stärker zu einer emotionalen Achterbahnfahrt, in deren Mittelpunkt auch die aufkeimende Beziehung zwischen 2B und 9S steht.

Das Kampfsystem in einem Wort? Fantastisch!

Für das Kampfsystem wurden die Spezialisten von Platinum Games hinzugezogen und – was soll man sagen? Es ist fantastisch geworden. Wer schon einmal Transformers Devastation oder Vanquish gespielt hat, wird sich direkt zuhause fühlen. Leichte Attacken, schwere Attacken, ein starker Fokus auf Ausweichen und Kontern: Die Entwickler haben sich nicht unwesentlich von Bayonetta inspirieren lassen. Zu Recht, hat die Hexe doch eines der besten Action-Kampfsysteme der letzten Jahre geboten. Hinzu kommt bei NieR: Automata noch der Fernkampf über den Pod, einen kleinen schwebenden Roboter, der 2B und 9S unterstützt, wahlweise mit Raketen, Lasern, Gatlings und anderen nützlichen Gimmicks.

Zwar gibt es gefühlt weniger Kombos als bei anderen Spielen, das wird jedoch durch die große Auswahl an Waffen ausgeglichen. Von kleinen Schwertern über Lanzen bis hin zu Handschuhen gibt es alles, was das Herz begehrt und die Charaktere können individuell dem eigenen Spielstil angepasst werden. Nebenbei können die Androiden auch noch über sogenannte Plug-In-Chips individualisiert werden, von denen je nach Speicherplatz mehr oder weniger installiert werden können. Die Funktionen reichen dabei von Angriffsboosts über automatische Heilung bis zu Erweiterungen für mehr Erfahrungspunkte.

Typisch Nier werden die Nahkämpfe außerdem durch "Bullet Hell"-Sequenzen aufgelockert, sprich: Die Gegner feuern riesige rote Projektile auf 2B und 9S, denen die Androiden im besten Falle ausweichen. Hier ist Feinmotorik und Koordination gefragt. Neben den Kämpfen am Boden erwarten den Spieler außerdem Vertikal- und Horizonatal-Shooter-Sequenzen, die sich fließend abwechseln und optisch beeindrucken.

Saubere Technik, großartiger Soundtrack

Präsentiert wird NieR: Automata in butterweichen 60 Frames per Second, die das Spiel auch die meiste Zeit halten kann. Auch wenn einige Framedrops auffallen, wenn viel auf dem Bildschirm los ist. Zugunsten der Framerate haben Platinum Games auf 1080p verzichtet und stattdessen eine niedrigere Auflösung bevorzugt.  Eine gute Entscheidung, denn so kommen die tollen Animationen der Charaktere besser zur Geltung. Es ist eine Augenweide, den Bewegungen von 2B und 9S im Kampf zuzuschauen.

"PS4 Pro"-Besitzer bekommen sogar 1080p bei 60FPS geboten und profitieren zudem von verbesserten Texturen, Schatten und Anti-Aliasing. Wer sich ein genaues Bild von den Unterschieden machen möchte, dem sei das Vergleichsvideo (s. unten) von Digital Foundry ans Herz gelegt.

Je weiter die beiden Androiden die postapokalyptische Welt der Zukunft erkunden, umso abgedrehter werden die Umgebungen und Charaktere. Besondere Highlights sind dabei der Vergnügungspark inklusive eines fantastischen Bosskampfes und Pascal, eine Maschine, die sich vom Netzwerk der anderen Maschinen losgesagt hat. Dabei nehmen die Maschinen, die in einer Welt ohne Menschen leben, erstaunlich menschliche Züge an.

Jede Etappe der Reise wird von einem der emotionalsten Videospiel-Soundtracks der letzten Jahre begleitet. Komponist Keiichi Okabe schafft es mit seinen Stücken, jede noch so kleine Nebenaufgabe, jeden bewegenden Moment perfekt zu untermalen. Dazu kommen 8-Bit-Variationen, die entsprechend passend eingesetzt werden. Der Soundtrack ist so gut, dass man sich die Endcredits auf jeden Fall bis zum Schluss anschauen sollte. Auch mehrmals. Der Musik wegen.


Vergleichsvideo:


Der Anfang vom Ende

Zum Thema Endcredits sei außerdem gesagt, dass NieR: Automata insgesamt 26 verschiedene Enden hat, die im Laufe des Spiels erreicht werden können. Dabei sind die Enden A bis E die Hauptenden, F bis Z erzählen teilweise abweichende Geschichten oder sind Scherz-Enden. Nichtsdestotrotz, und auch wenn das Spiel explizit darauf hinweist: Spiel unbedingt nach dem ersten Ende weiter! Denn da, wo manche Spiele aufhören, fängt NieR: Automata erst richtig an – und die gesamte Geschichte ist erst nach Ende E erzählt. Damit das nicht langweilig wird, werden deine Fortschritte – Waffen, Quests, Level – zwischen den einzelnen Durchgängen übernommen. Außerdem werden mit jedem Durchlauf neue Gameplay-Optionen freigeschaltet.

Mit NieR: Automata haben Taro Yoko und Platinum Games ein ganz besonderes Spiel geschaffen. Nicht nur, weil Nier als klassisches Videospiel sehr gut funktioniert. Auch, weil die Besonderheiten des Mediums wie Interaktivität, Non-Linearität und Repetition benutzt werden, um die Geschichte zu erzählen.

Das Menü des Spiels ist gleichzeitig das Menü der Androiden, Titelbildschirme erscheinen während des Spiels und das Spiel mit den verschiedenen Enden ist so nur im Medium Videospiel möglich. Gleichzeitig hat Yoko eine aufwühlende Geschichte rund um das Menschsein, Sexualität und die Grenzen zwischen Mensch und Maschine kreiert. Dabei transportiert NieR: Automata wie kaum ein anderes Spiel Emotionen wie Verzweiflung und Trauer und nutzt dafür geschickt die eigene Spielwelt.

Fazit zu NieR: Automata

NieR: Automata ist jetzt schon eines der Highlights des Jahres 2017. Auch, wenn der Stil eigenwillig erscheint und die Geschichte erst langsam in Fahrt kommt: Für alle Spieler, die eine komplexe, durchdachte Story und sehr gutes Gameplay mögen und sich auch nur entfernt für Actionspiele mit Rollenspielelementen interessieren, sollte NieR: Automata ein Pflichtkauf sein. Denn zwischen generischem Shooter A und Open-World-Abenteuer XY haben Platinum Games hier ein kleines Meisterwerk abgeliefert. Glory to Mankind!


NieR: Automata PS4UNICUM Gaming-Tipp

NieR: Automata

Square Enix/Platinum Games

Erhältlich für: PC, PS4

Ab 16 Jahren

Artikel-Bewertung:

3.42 von 5 Sternen bei 60 Bewertungen.

Deine Meinung: