Dokumentation Hitler Propagandafilme
Wie bringt die Propagandamaschine der Nazis die Deutschen zum Träumen? | Foto: farbfilm verleih
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21. Feb 2017

Sandra Ruppel

Filme

Hitlers Hollywood

Die Film-Doku startet am 23. Februar im Kino

Hitlers Gehinwäsche

Propaganda konnten sie, die Nazis. Und auch heute noch steht uns der Mund vor ungläubigem Staunen und schierem Ekel offen, wenn wir im Geschichtsunterricht oder an der Uni alte Tondokumente zu hören oder Ausschnitte der "Deutschen Wochenschau" zu sehen bekommen, in denen widerliche Männer widerliche, aufwiegelnde Ungeheuerlichkeiten ins Mikrofon reden und so ein ganzes Volk für ihren Zweck mobilisieren. Aus heutiger Sicht fällt es immer noch schwer, so einen Prozess nachzuvollziehen: Den gewaltigen Umfang und das Ausmaß der regelrechten Gehirnwäsche riesiger Massen.

Ein Film allein ist noch keine Gefahr...

Um das besser verstehen zu können, ist es wichtig, sich klarzumachen, auf wie vielen Ebenen sich die Propaganda, die Hetze und die Beeinflussung wirklich abgespielt haben. Denn das geschah eben nicht nur über Gleichschaltung, politische Reden, Plakate, Zeitungen, Bücher oder Wochenschauen, die im Kino gezeigt wurden – sondern auch über Spielfilme. Und zwar über solche, die wir heute als "Klassiker" kennen und in denen auch Schauspieler wie Everybody‘s Darling Heinz Rühmann ("Die Feuerzangenbowle") mitgespielt haben. Oder Sänger und Schauspieler wie Hans Albers ("Auf der Reeperbahn nachts um halb eins"), dessen Namen wahrscheinlich keiner unter 30 mehr auf dem Schirm hat, von dem sich aber sicherlich die ein oder andere Platte in Omas Plattenkoffer finden lässt.

...über tausend Filme schon!

Von 1937 bis 1945 wurden in Deutschland 1.000 solcher Spielfilme produziert. Pünktlich zum 100. Geburtstag der Ufa hat Filmemacher Rüdiger Suchsland nun für seine Dokumentation "Hitlers Hollywood" zahlreiche dieser Filme unter die Lupe genommen und stellt sich dabei die Frage, wie wir heute damit umgehen können, dass es einerseits zwar diese Kinofilme gibt, die aus moralischer und politischer Sicht abstoßend sind. Dass aber andererseits auch der künstlerische Wert und das technische Können, das in ihnen liegt, nicht zu leugnen ist.


Sieht harmlos aus – ist es aber nicht!

Suchsland zeigt auf, wie die Kinofilme, die uns heute als harmlose alte Schinken erscheinen und die man sich an einem verregneten Sonntagnachmittag im Fernsehen reinzieht, mit den Menschen kommuniziert haben – und auch heute noch kommunizieren. Welche Bedeutung steckt hinter den Filmen? Was vermitteln sie eigentlich – und zwar teilweise so unterschwellig, dass es gar nicht auffällt? Welche Themen, Botschaften und Motive tauchen in den vielen, vielen Metern Film, die unter dem Nazi-Regime produziert wurden, immer wieder auf?

Hitlers Kino-Traumwelt: Hier werden die Massen manipuliert

Anhand zahlreicher Beispiele – man könnte es fast schon einen filmischen Querschnitt durch die Jahre 1937 bis 1945 nennen – arbeitet Suchsland heraus: Die Menschen sollen im Kino nicht nur in eine Traumwelt abtauchen. In einer Zeit, in der Deutschland Anlauf nimmt, um zielsicher auf den Abgrund zuzurennen, sollte der Bevölkerung gezeigt werden, dass alles in bester Ordnung ist. Dass es Grund zur Fröhlichkeit gibt. Dass Natur und Heimat etwas Feines und der Tod etwas Ehrenhaftes ist. Nicht etwas, das man fürchten muss. Erst Recht nicht, wenn es der Tod für das Vaterland ist.

Bis zum Schluss, so macht Suchsland deutlich, ist der Kinofilm in Deutschland ein enorm wichtiges Mittel der Propaganda. Es ist das Mittel der ersten Wahl, um den Menschen einzugeben, wie sie sich verhalten und wie sie fühlen sollen. Das erklärt vielleicht auch, warum selbst dann noch Kinofilme produziert werden, als das Land 1945 bereits in Schutt und Asche liegt und der Krieg längst verloren ist (es aber keiner zugeben will).

Fazit zu "Hitlers Hollywood"

Suchsland liefert mit seiner Dokumentation eine spannende Analyse und versucht, die "deutsche Traumfabrik" der Jahre 1937–45 als solche sichtbar zu machen. Dabei geht es weniger um reißerisches "Enttarnen" der Propaganda, die all die von Suchsland ausgewählten und besprochenen Kinofilme in sich tragen. Sondern vielmehr darum, die in den Filmen versteckt liegende Bedeutung herauszuschälen, sie sichtbar zu machen und in der Geschichte zu verankern.

Während Suchslands Untersuchung während der ersten Hälfte des Filmes noch intensiv ist und er sich dabei auch auf den wichtigen Filmtheoretiker Siegfried Kracauer stützt, lässt der Regisseur in der zweiten Hälfte seiner Dokumentation die aus einer riesigen Fülle an Filmen ausgewählten Szenen eher für sich sprechen. Mancher Zuschauer mag sich da vielleicht stellenweise etwas allein gelassen fühlen. Doch durch diese Leerstellen, die eben nicht unmittelbar durch ein Voice-Over erklärt und aufgefangen werden, lädt Suchsland uns dazu ein, uns noch einmal neu mit den alten Filmen auseinander zu setzen. Selbst zu denken, zu analysieren und Bezüge herzustellen.

Alles in allem gelingt Filmemacher Rüdiger Suchsland mit "Hitlers Hollywood" eine spannende Dokumentation, die man sich nicht nur im Rahmen vom Schulunterricht oder dem Geschichts- oder Filmseminar an der Uni, sondern auch privat anschauen sollte.

Denn hier können wir nicht nur etwas über unsere Filmgeschichte lernen, sondern wir bekommen eben auch anschaulich vermittelt, wie Propaganda funktioniert. Dass sie Einfluss sie auf uns nimmt, ohne dass wir es im ersten Moment bemerken. Und schließlich gibt es - besonders aktuell - kaum etwas Wichtigeres, als sich mit der Frage auseinander zu setzen, wie (und vor allem wie leicht) Menschen manipuliert und gegen etwas aufgehetzt werden können. Wir können aus der Geschichte lernen. Aber wir müssen auch wollen.


Hitlers Hollywood FilmUNICUM-Abi Filmtipp

Hitlers Hollywood

Dokumentation, Deutschland 2017

Regie: Rüdiger Suchsland

Verleih: Farbfilm Verleih

Kinostart: 23. Februar 2017

Mehr unter: hitlershollywood.de und facebook.com/hiho.film/

Artikel-Bewertung:

3.39 von 5 Sternen bei 85 Bewertungen.

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