Ellie Goulding Interview
Ellie Goulding | Foto: Universal Music
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09. Nov 2015

Steffen Rüth

Musik

Ellie Goulding: Ihr Leben? Verrückt!

Die Sängerin im Interview zum Album "Delirium"

Ellie Goulding: (K)ein geborener Popstar

UNICUM: Du nennst das Album "Delirium". Wann warst du denn das letzte Mal selbst im "Delirium", also nicht ganz im Vollbesitz deiner Sinne?
Goulding: Das ist es eine Art Dauerzustand bei mir, im Kopf etwas durcheinander zu sein. Ich finde das Wort sehr passend und naheliegend, wenn es darum geht, mein Leben zu beschreiben.

Wie ist dein Leben denn?
Im Moment total verrückt. Ich war immer ein bodenständiges Mädchen, und fühle mich nach wie vor ziemlich geerdet. Vieles an diesem Beruf der Popsängerin irritiert und verwirrt mich noch immer. Ich bin eigentlich nicht dafür gemacht, ein Star zu sein. Aber ich lerne immer besser, mich mit dem Stress, den vielen Terminen, dem Jubel und den dicken Autos, die mich vom Flughafen abholen, zu arrangieren.

Die Platte als solche klingt richtig riesengroß. Wolltest du so ein richtig massives Popalbum aufnehmen?
Was ich wirklich wollte, war eine Art Forschungsreise zu mir selbst zu unternehmen. Ich wollte Ellie Goulding, die Popkünstlerin, näher kennenlernen. Ich liebe elektronische Musik und Folkmusik, ich war nie so ein typisches Mainstream-Pop-Mädchen, aber ich habe den Ehrgeiz, das ausprobieren. Ich will Lieder singen, die in Filmen laufen.

So wie "Love me like you do".
Genau. Es ist ein Supergefühl, wenn dein Song in so einem Megafilm zum Einsatz kommt wie "Fifty Shades of Grey”.



Die Sängerin ist lieber "nett als unausstehlich"

In dem Song "Codes" forderst du den Mann auf, nicht länger in Rätseln zu reden. Haben Typen es an sich, dass man aus ihnen nicht schlau wird?
Wenn man sie noch nicht so gut kennt, dann schon. "Codes" ist ein Song über den Anfang einer neuen Liebe. Du denkst "Ach, wenn ich ihn doch nur verstehen könnte", weil du ihn sozusagen noch nicht entschlüsselt hast. Solche Situationen sind ja total menschlich und kommen in jeder Beziehung vor, und doch nervt das natürlich. Insgesamt war es mein Ziel, praktisch alle Gefühle – von den trivialen bis zu den ernsthaften und komplizierten – auf diesem Album anzusprechen. Und das Ganze im Rahmen von hymnischen Popsongs.

Stellst du selbst oft fest, dass Jungs in einer anderen Sprache kommunizieren als Mädchen?
(lacht) Es scheint ein Naturgesetzt zu sein. Ich denke, mit der Zeit wird es leichter, den anderen zu verstehen. Im Idealfall ist es ja so: Je länger eine Beziehung hält, desto ehrlicher gehen die Partner miteinander um. Irgendwann muss man dem anderen einfach nichts mehr vormachen.

Für wie aufrichtig hältst du dich denn selbst?
Es gibt schon Momente, in denen es mir schwerfällt, komplett ehrlich zu sein. Alles in allem kann man mir aber schon vertrauen, das behaupten zumindest meine Freunde. Ich spiele nicht gerne Spielchen. Aber ich unterhalte mich mit anderen total gerne darüber, was die Menschen so für Abgründe haben. Sozusagen als Forschungsarbeit. Weiß auch nicht, wieso, das macht mir einfach Freude und dient der Befriedigung meiner großen Neugier auf Menschen und ihre Verhaltensweisen.

Ist es dir wichtig, dass andere Leute dich nett finden?
Na klar. Besser nett als unausstehlich. Ich glaube schon, dass mich die meisten ganz in Ordnung finden. Warum auch nicht? Ich raste nicht oft aus. Man muss mich schon sehr provozieren, bevor ich richtig harsch reagiere.

"Oberflächlichkeit kann auch verdammt super sein"

Die Musikindustrie ist bekanntlich ein Haifischbecken. Wie kommt die freundliche Ellie Goulding in dieser Branche zurecht?
Sie schlägt sich durch. Sie nimmt nicht alles zu ernst. Ich habe verstanden, worum es in diesem Business geht. Und ich passe mich an. Einige der Lieder auf dem neuen Album sind selbst so oberflächlich, dass sie bestens in diese Welt hineinpassen. Absichtlich.

Als Persiflage also?
Nein, soweit würde ich nicht gehen. Als besonders clevere, kalkulierte Form von Popmusik. So viele Songs, die bleiben und zu Klassikern werden, sind sehr triviale Songs. Als ich ein Kind war, hörte ich am liebsten Songs von den Spice Girls und von Boybands. Vieles kann ich bis heute auswendig. Die Lieder, die mir im Leben am meisten Spaß gemacht haben, sind nicht die mit der tiefen Bedeutung. Sondern die ohne Sinn und Verstand. Oberflächlichkeit kann auch verdammt super sein.  

Du warst Spice-Girls-Fan?
Ohhh ja (lacht). Ich habe die Spice Girls geliebt. Meine Favoritin war immer Posh Spice.

Also Victoria Beckham. Seid ihr befreundet?
Wir kennen uns ein bisschen. Sie hat mir einige ihrer wunderschönen Kleider überlassen, ich finde sie als Designerin echt unheimlich talentiert und toll. Ich bewundere es auch, wie sie ihre Karriere und ihre Familie miteinander vereinbart. Victoria ist das perfekte Vorbild für mich.

In welcher Hinsicht?
Auch ich will eines Tages sehr gern eine Familie haben. Kinder, eine Beziehung, meinen Beruf. Ich finde es bewundernswert, wie Victoria das alles schafft.

Der Plan ist also: Weltherrschaft mit deinem neuen Album und dann eventuell die Familienplanung?
Ganz so ausgereift ist der Plan noch nicht. Aber ich sage mal: Idealerweise ja. Mal gucken, was so passiert.



In Sachen Liebe war sie zynisch

Ist "Around U", ein offensichtliches Liebeslied, von deinem Freund, dem Musiker Dougie Poynter, inspiriert?
Yeah. Ich singe auch "Before you, I was cynical", also "Bevor ich dich traf, war ich zynisch", und das ist so eine Art Insiderwitz zwischen mir und meinen Freunden. Mein Zynismus in Sachen Liebe ist nämlich wirklich legendär. In der Vergangenheit habe ich zig Songs geschrieben, die sich mit der Liebe auf eine zynische, ablehnende, frustrierte Weise beschäftigten. Einfach, weil es in meinem Leben so aussah.

Zu Beginn deiner Karriere hast du dich unwohl dabei gefühlt, erkannt zu werden. Hat sich deine Schüchternheit gelegt? Macht dir das Berühmtsein mittlerweile Freude?
Ich habe gelernt, die positiven Seiten des Ruhms zu erkennen. Ich bin nicht mehr gehemmt wie am Anfang, ich bin lockerer geworden. Mein Plus ist mein Humor. Über ganz viele Situationen, die mein Job so mit sich bringt, kann ich wunderbar lachen. Darüber zu lachen ist die beste Art, um mit der Eigenartigkeit meiner Arbeit zurechtzukommen.

Hast du genug Ausgleich zu deinem Job?
Ja, ich kann mich wirklich nicht beklagen. Ich habe viele tolle Menschen um mich herum, es geht mir wirklich gut. Aber die Arbeit dominiert mein Leben schon sehr. Dass ich als Star beäugt werde, dass man alles, was ich tue, kommentiert und oft auch kritisiert, das macht mir immer noch oft Angst. Die meisten Leute unterschätzen, wie sehr diese permanente Beobachtung einen fertig machen kann. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich vergesse, wer ich eigentlich bin.

Wie schaffst du das?
Indem ich normal bin. Normale Sachen mache. Die Bodenhaftung behalte. So wie jetzt in dieser Minute, in der ich mich fühle wie ein Mensch, der sich unterhält. Man darf vor allem nie denken, dass man alles im Griff hat. Es gibt immer wieder Momente im Leben, in denen auch ich sehr genau merke, dass ich nur aus Fleisch und Blut bin.


UNICUM Abi-Musiktipp

Albumcover von Ellie Goulding DeliriumDelirium

Ellie Goulding

Universal Music

VÖ: 06. November 2015

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Mehr Infos: www.elliegoulding.com und www.facebook.com/elliegoulding

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