Digital Detox
Viel zu oft lassen wir uns bei der Arbeit vom Smartphone ablenken | Foto: Thinkstock/solar22

Apps & Internet

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Internetsucht

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28. Feb 2017

Nina Weidlich

Apps & Internet

Digital Detox: Einfach mal offline gehen

Digital Detox: Was ist das?

Smartphone-Sucht und Digitaler Burnout. Klingt dramatisch? Ist es auch. Weil alles, was zu viel ist, unserem Körper schadet und nicht nur Alkohol und Drogen, sondern auch übermäßiger Smartphone- und Internetkonsum Gift für uns sind. Auf der Suche nach einem geeigneten Gegengift stößt man schnell auf den Begriff Digital Detox. Was irgendwie nach Brigitte-Diät klingt, hat mit Essen aber nichts zu tun: Beim digitalen Entgiften geht es darum, das Handy einfach mal beiseite zu legen oder es sogar – hört, hört – abzuschalten!

Was so simpel klingt, ist oft gar nicht so einfach: Zu groß ist die Versuchung, sich von niedlichen Katzenvideos, der Facebook-Timeline oder den neuesten Insta-Stories der Freunde ablenken zu lassen – besonders dann, wenn man es sich dank Prüfungsstress oder der nahenden Deadline für die nächste Hausarbeit eigentlich am wenigsten leisten kann. Sogar Hobbies, die früher ganze Wochenenden füllen konnten, lassen wir immer häufiger links liegen. Warum sollte man auch ein ganzes Buch lesen, wenn man sich in der gleichen Zeit dutzende Youtube-Tutorials reinziehen kann?

Trend aus den USA: Digital Detox Camps

Der Hype ums digitale Entgiften nahm seinen Anfang ausgerechnet im High-Tech-Mekka Silicon Valley. Dort, wo angeknipste IT-Nerds sonst in verglasten Wolkenkratzern über die App-Trends von morgen philosophieren und dafür sorgen, dass unser Smartphone immer mehr kann, immer mehr weiß, und uns immer mehr vereinnahmt, schaltete man das Handy plötzlich aus und traf sich in einer Art Pfadfinderlager zum gemeinsamen Offline-gehen. Ganz nach dem Motto: Lagerfeuerromantik statt WhatsApp-Gruppen-Dauerstress.

Im Interview: Digital Detox-Expertin Ulrike Stöckle

Ulrike Stöckle, Inhaberin der "Agentur für nachhaltige Kommunikation, hat diesen Trend auch nach Deutschland geholt. Vor drei Jahren hat sieselbst gemerkt, dass das Smartphone die Kontrolle über ihr Leben übernommen hat. Heute hilft sie in ein- oder mehrtägigen Digital Detox-Seminaren anderen Betroffenen, sich in der digitalen Welt bewusster zu bewegen und dem Gehirn auch mal eine Pause zu gönnen. Wir haben mit der Expertin über die digitale Entgiftung gesprochen:Digital Detox Ulrike Stöckle

UNICUM: Warum ist Digital Detox so wichtig?
Ulrike Stöckle: Unser Gehirn ist eigentlich nicht dafür ausgelegt, permanent mit Informationen befeuert zu werden. Selbst wenn wir mal eine Pause machen, geht der erste Griff direkt zum Handy – das ist das Fatale. Wenn wir nicht lernen, abzuschalten, heißt es da oben irgendwann Game Over.

Außerdem sind wir so konditioniert auf Töne und Vibrationen, dass wir auch zum Handy greifen, wenn ausnahmsweise mal nichts passiert. Liegt das Smartphone bei der Arbeit in Reichweite, schaust du etwa alle 15 Minuten darauf. Das Problem ist: Genauso lange brauchst du auch, um wieder in die Arbeit reinzukommen.

Woran merke ich, dass ich Hilfe brauche?
Viele Menschen, die zu unseren Seminaren kommen, fühlen sich von ihrem Smartphone versklavt. Wenn das Smartphone deinen Tagesablauf und deine Reaktionen kontrolliert – spätestens dann besteht Handlungsbedarf.

Wer kommt zu Ihren Seminaren?
Wir haben hier schon viele Studenten gehabt, für die das Smartphone wie eine Droge ist. Besonders vor Prüfungen möchten viele mal einen smartphonefreien Tag einlegen, um sich endlich wieder besser konzentrieren zu können. Aber auch Geschäftsführer, Personalverantwortliche und junge Gründer kommen zu uns, die sagen: Wir möchten lieber sechs Stunden konzentriert arbeiten und haben dann zwei Stunden für uns und machen Sport. Wie schaffen wir das?

Smartphonesucht

Ein Wochenende ohne Smartphone

Was passiert im Digital Detox Seminar?
Mittels einer App tracken die Teilnehmer schon eine Woche vor Seminarbeginn, wie häufig sie auf ihr Smartphone schauen und welche Apps sie wie lange benutzen.. In einer Anamnese-Runde muss dann jeder auf einer Skala von 1-10 einschätzen, wie abhängig er ist: Eine 1 ist jemand, der eigentlich gar kein Smartphone nutzt, bei einer 10 sprechen wir von 8-10 Stunden Smartphone-Nutzung am Tag. So jemanden würde ich dann schon fast an einen Therapeuten verweisen. In unseren Seminaren bewegen sich die meisten zwischen fünf und sechs.

Im Anschluss geht es um Fragen wie: Warum muss ich bei jedem Rappeln und Vibrieren auf mein Handy schauen? Warum kann ich es nicht einfach abschalten, obwohl es mich nervt? Dazu stelle ich den Teilnehmern einige wissenschaftliche Studien und Zahlen vor. Ich erkläre das aber nicht mit einem erhobenen Zeigefinger, sondern zeige einfach: Das passiert mit dir, das musst du ändern. Ansonsten machen wir alles, wobei wir unser Gehirn mal abschalten können und unseren Körper spüren: Von Achtsamkeitsübungen über Tai Chi bis zum Bogenschießen. Bei den mehrtägigen Camps haben wir auch schon mal in Bäumen übernachtet.

Das Wichtigste ist aber: Bevor es richtig losgeht, werden die Handys von mir eingesammelt und für die Dauer des Seminars eingeschlossen.

Kein Smartphone – Werden die Teilnehmer da nicht nervös?
Am Anfang ist es natürlich für alle komisch. Die meisten lassen sich aber voll darauf ein – sie haben sich ja auch schon vor dem Seminar Gedanken gemacht und wollen aktiv etwas verändern. Es gibt aber auch Fälle, in denen Teilnehmer ein Phantomgreifen hatten. Eine Studentin, die von sich selbst dachte, super ohne Smartphone auszukommen, hat sogar abends bei einem Spaziergang im Wald ihr Handy klingeln gehört, obwohl sie es gar nicht dabei hatte. Abgebrochen hat das Experiment aber noch nie jemand.

Reicht ein Tag denn überhaupt aus, um vom Smartphone loszukommen?
In der Verhaltenspsychologie können Veränderungen nie mit einem Mal erreicht werden. Wie jede Verhaltensänderung ist auch der Smartphone-Entzug eine Frage der Disziplin. Ein Tagesseminar gibt einen ersten Impuls, einen Anreiz. Bisher war es aber immer so, dass die Teilnehmer am Schluss gesagt haben: Ich werde mein Handy jetzt nicht einschalten, weil ich überhaupt keinen Bock habe. Ich will dieses gute Gefühl, das ich hier bekommen habe, mitnehmen.


Digital Detox to go – 5 Tipps für den Alltag

Natürlich kannst du deinen Alltag auch ohne professionelle Hilfe smartphonefreier gestalten. Die wichtigsten Tipps von Expertin Ulrike Stöckle haben wir im Überblick für dich zusammengefasst:

Ohne Handy ins Bett

Das Smartphone abends in den Flugmodus schalten und auf den Nachttisch legen zählt nicht! Wer es ernst meint, macht das Handy aus und bewahrt es nachts außerhalb des Schlafzimmers auf. Analoge Wecker sind schließlich auch fancy – und eine Snooze-Taste haben die meisten von ihnen auch.

Offline in den Tag starten

Bevor du morgens das Haus verlässt, solltest du keine Zeit mit dem Smartphone verschwenden. Zögere den Zeitpunkt des Einschaltens immer weiter hinaus: Nach dem Duschen, nach dem Frühstück, nach dem Zähneputzen – und du wirst merken, dass die Welt sich weiterdreht.

Kein Blinken, kein Vibrieren, kein Tuten

Wenn du es dir erlauben kannst, schalte dein Handy am besten komplett auf lautlos. Wenn wir ehrlich sind, benutzen wir das Ding doch sowieso nicht mehr, um "dringende Anrufe" anzunehmen. Auch Push-Nachrichten und blinkende Lämpchen bei eintreffenden Nachrichten sollten ausgeschaltet bleiben. 

Ziele setzen

Schreibe konkret auf, was du mit deiner neu gewonnen Zeit anfangen willst. Ein Buch lesen (Welches?), mit der besten Freundin Eis essen gehen (Wann? Wo? Welche Sorte?). Je detaillierter, desto greifbarer wird das Smartphone-Kontrastprogramm und umso mehr kannst du dich darauf freuen.

Das Smartphone ersetzen

Kann schon sein, dass die Smartphone-Abstinenz dir am Anfang nicht so gut bekommt – schließlich ist das Handy für manche schon fast wie ein zusätzliches Körperglied. Deshalb ist es wichtig, dass du die Handy-Nutzung durch andere Tätigkeiten ersetzt. Das kann auch etwas total Banales sein, das du seit Jahren nicht mehr gemacht hast und das dir im ersten Moment vielleicht sogar albern vorkommt: Ulrike Stöckle geht zum Beispiel mit ihren Teilnehmern vierblättrige Kleeblätter suchen. Challenge accepted?

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