Aufnahmen für Scripted Reality im Fernsehen
Scripted Reality: Was im TV real wirkt, wird von Darstellern nachgespielt | Foto: Thinkstock/kzenon
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18. Mai 2015

Nathalie Klüver

Zündstoff

Scripted Reality: Eine junge TV-Darstellerin erzählt

Die Wahrheit hinter TV-Shows wie "X-Diaries" oder "Berlin – Tag & Nacht"

Scripted Reality ist inszenierte Realität

Scripted Reality nennt sich das TV-Format, das seit einigen Jahren Einzug hält in den deutschen Haushalten. Da werden die Darsteller mit wackeligen Kameras gefilmt oder in Interviews zu den kniffligen Situationen befragt, in denen sie sich gerade befanden. So soll ein Dokucharakter entwickelt werden. Doch die Geschichten sind aufgeschrieben, inszeniert, die Menschen vor der Kamera Laiendarsteller, die nach einem Drehbuch handeln.

Scripted Reality, inszenierte Realität, ein Widerspruch. Findet auch Felix Wesseler von der Produktionsfirma Filmpool, der deshalb auch den Begriff Scripted Entertainment bevorzugt. Filmpool war es, die in den 90er Jahren das TV-Format entwickelt hat und heute Marktführer in dem Bereich ist.

Elf solcher Formate werden von 600 Mitarbeitern produziert, darunter "Familien im Brennpunkt", "Niedrig & Kuhnt", "Berlin – Tag & Nacht" und "XDiaries". Ausgedachte Geschichten laufen besser als echte Dokusendungen, weiß Felix Wesseler.

Das merkte Filmpool mit der Richterin Barbara Salesch, die 1999 erst mit echten Fällen und Angeklagten anfing. So richtig Erfolg hatte die Sendung erst, als sie auf Laiendarsteller und ausgedachte Fälle umstieg. Die Geburtsstunde eines neuen Formates.

Mit Laiendarstellern und Lästereien zum Erfolg

"Die Formate erzählen die Geschichten authentischer und spannender", ist sich Felix Wesseler sicher. Die Storys seien nah am Leben: "Die Zuschauer können sich wiederfinden." Außerdem seien sie auf die Protagonisten zugeschnitten.

Überhaupt die Laiendarsteller seien das Geheimnis des Erfolgs: "Sie sind authentischer als Profischauspieler und benutzen ihre eigene Sprache. Das bekommt kein Autor so hin." Dass die Darsteller nicht dieselben schauspielerischen Qualitäten wie Profis mitbringen, lässt Wesseler nicht gelten: "Es gibt viele sehr gute Darsteller, das darf man nicht vergessen. Oft werden nur die schlechten in Erinnerung behalten." Sie sind es, über die man spricht und lästert – und das Lästern ist einer der Erfolgsgaranten.

Als Darsteller kann man auch berühmt werden

Weil immer mehr dieser Formate auf Sendung gehen, ist der Bedarf an Darstellern enorm. Über 150.000 Darsteller hat Filmpool in der Kartei – und ist weiter auf der Suche: Täglich finden Castings in Berlin statt, einmal in der Woche in Köln und weil auch das nicht reicht, wird deutschlandweit nach Nachschub gesucht. Bei so einem Casting gehe es vor allem darum, zu sehen, was ist das für ein Typ, wie gut kann er sich in eine Situation hineinversetzen, wie ist die Sprache: "Man merkt sehr schnell, ob jemand authentisch ist oder aufgesetzt."

Der Andrang bei den Castings ist groß: "Berlin – Tag & Nacht zeigt, dass man als Laiendarsteller auch berühmt werden kann", so Wesseler. Wer zum Casting kommen kann? Jeder: "Wir brauchen jeden. Den Banker, den Punker, die Oma, den Abiturienten, die Kneipenwirtin." Alle Altersgruppen, alle Berufe, alle sozialen Backgrounds.

Träume werden wahr, oder?

Jil-Kira ging zu so einem Casting. Die 18-Jährige wollte so etwas schon immer mal ausprobieren: "Das Schauspielern ist so ein Kindheitstraum von mir." In Bochum war das Casting, in einem Stuhlkreis mit anderen musste sie in verschiedene Situationen schlüpfen. Mal lustig sein, mal traurig, sich streiten und dann wieder rumscherzen.

Sie bekam kurz darauf das Angebot, die Rolle der Tonja bei der RTL-2-Sendung X-Diaries zu spielen. "Ich habe mich mega-gefreut!" Denn zum Dreh ging es nicht in ein Studio, sondern für zwei Monate nach Mallorca. So lange war sie noch nie von Zuhause fort. Aber da sie gerade ihren Hauptschulabschluss gemacht hatte, hatte sie die Zeit dazu.

"Ich habe mich anfangs ein wenig geschämt"

Anstrengende, aber aufregende Dreharbeiten folgten. Bei 40 Grad den ganzen Tag drehen: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so aufwändig ist, die Filmszenen zu drehen." Aus den Darstellern wurde eine kleine Familie, erzählt sie.

Als die erste Folge lief, hat sie die mit ihrer ganzen Familie geschaut: "Ich habe mich ein wenig geschämt, als ich mich da sah." Aber das verging schnell, jetzt ist sie stolz drauf. "Megaviele sprechen mich darauf an!" Auch ihre Eltern und Schwester werden drauf angesprochen, in dem Schuhladen, in dem sie zurzeit jobbt, wird sie immer wieder nach ihrer Rolle gefragt. "Dazu kommen super viele Freundschaftsanfragen über Facebook, ich weiß gar nicht, was ich damit machen soll."

Negative Kommentare gab es bisher nicht. Manche fragen sie schon, wie denn die anderen Darsteller so sind, ob die im echten Leben auch so sind wie die Familie Paschke, die im Fernsehen doch einen, sagen wir mal, etwas verlotterten Eindruck macht – darauf sagt sie immer: "Quatsch, das sind doch nur die Rollen, die die spielen."

Dass alles erfunden ist, wissen viele nicht

Kritiker bemängeln oft, dass die Darsteller vorgeführt werden. Das sieht Wesseler anders: Schließlich schlüpften die Darsteller in eine andere Rolle, anders als bei Castingshows wie DSDS. Jil-Kira fühlt sich nicht vorgeführt: "Wir sind ja nicht wir selbst in den Sendungen."

Felix Wesseler kennt die Kritik, in den Scripted-Reality-Sendungen würde den Zuschauern eine Wirklichkeit vorgegaukelt, die es so gar nicht gibt. Doch er ist überzeugt: "Die Zuschauer wissen sehr wohl, dass die Sendung nicht echt ist." Das hätten auch zwei Umfragen ergeben, die Filmpool in Auftrag gegeben hat. "Man sollte den Zuschauer ernst nehmen und ihm zutrauen, Wirklichkeit und Fiktion auseinanderzuhalten."

Andere Studien haben das Gegenteil ergeben: Die Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens fand heraus, dass knapp die Hälfte der Zuschauer zwischen sechs und 18 Jahren glaubt, bei "Familien im Brennpunkt" würden echte Fälle nachgespielt. Nur 22 Prozent gaben an, sie wüssten, dass es sich um erfundene Geschichten handelt.

Die Fernsehforscherin Maya Götz befürchtet, die Jugendlichen bekämen so ein "verzerrtes Bild von Menschen und Milieus" vermittelt. Jil-Kira sieht das anders. Sie könnte sich auf jeden Fall vorstellen, noch einmal bei so etwas mitzumachen, und ist weiter in der Kartei.

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