Club der roten Bänder
Was in "Club der roten Bänder" Fiktion ist, ist für Henrik Realität | Foto: VOX/Martin Rottenkolber
Autorenbild

18. Feb 2016

Simone Zettier

Zündstoff

Schulzeit mit Leukämie

Ein 17-Jähriger und sein Kampf gegen Blutkrebs

Von einem Tag auf den nächsten kam die Diagnose

Ein Torwart hat beim Elfmeter eine 15-prozentige Chance, den Schuss des Gegners zu halten. Doch der Ball ist längst an Henrik vorbei, sechs Meter vom Tor entfernt. Henrik will ihn eigentlich nur aufsammeln, damit das Spiel weitergeht, dabei übersieht er den Torpfosten. Die Folge: Eine Gehirnerschütterung, halbes Jahr Kopfschmerzen und Übelkeit, 170 Fehlstunden in der Schule und damit die Wiederholung der fünften Klasse.

Jetzt ist Henrik in der zehnten Klasse und hat erneut unzählige Fehlstunden auf seinem Konto. Diesmal ist eine akute lymphatische Leukämie (ALL) schuld – eine sehr aggressive Form von Blutkrebs mit einem hohen Rückfallrisiko.

Fußball, Long- und Skateboarden, Basketball, Windsurfen und Snowboarden, Fitness – Henrik hat bis zur Diagnose eigentlich jeden Sport gemacht, den man so machen kann. Doch dann fühlt sich dieser fitte, durchtrainierte Junge mit keinem Gramm Fett auf den Rippen von einem Tag auf den anderen sehr schlapp, hat Kopfschmerzen, eine angeschwollene Brust und viele kleine, rote Punkte an den Beinen.

Daher geht er am Freitag, den 17. April 2015 nicht in die Schule. Einen Tag später sind die Symptome nicht weg, sondern noch schlimmer. Daraufhin fahren er und seine Schwester Marina in die nächste Klinik, wo man ihn direkt weiterschickte. Im Vincenz-Krankenhaus Paderborn bringt ein Bluttest schnell Gewissheit – es ist Leukämie.

Henrik hat mehr als 130.000 Leukozyten im Blut, der Normwert für weiße Blutkörperchen liegt bei 10.500. Zwei Stunden später ist der Schüler als Patient in der Kinderonkologie des Kinderzentrums Bethel in Bielefeld aufgenommen. Die Erkrankung hat zu einer Gerinnungsstörung geführt – die Ursache für die roten Punkte. Henrik kommt daraufhin direkt fünf Tage lang auf die Intensivstation und darf sich nicht mehr bewegen. Zu jenem Zeitpunkt leidet er an sehr hoher Blutungsgefahr.

Henrik lässt alle Behandlungen über sich ergehen

"Als sich gleich zwei Ärzte zu mir setzten, die extra noch auf meine Mutter gewartet hatten, wusste ich, das ist nicht wirklich gut", so Henrik. Am ersten Abend fragt er seine Mutter "Muss ich sterben?", als diese weinend vor ihm sitzt. "Dann habe ich auch zehn Minuten geweint, aber das hat sich bei mir wieder beruhigt." Die Ärzte sagen ihm, seine Heilungschancen seien sehr gut.

Zusammengenommen kann ALL heutzutage mit intensiven Kombinationschemotherapien in 80 bis 90 Prozent aller Fälle geheilt werden. Henrik glaubt an seine Chance. Während sein Umfeld, seine Schwester und seine Mutter sich große Sorgen machen, lässt er einfach alles über sich ergehen und bleibt gefasst. Auch als es während der Behandlung zwischendurch immer wieder kritisch wird, als seine Nieren versagen, er eine Lungenembolie erleidet oder an einer Blutvergiftung laboriert. "Nebenwirkungen können immer kommen", meint der 17-Jährige trocken.

Henrik ruht in sich. Das wirkt sich auch auf andere Patienten in der Kinderonkologie im Kinderzentrum Bethel aus, in welcher der Junge Bad Driburg zuerst behandelt wird. Seine Freunde aus der 70 km entfernten Heimat will er trotz seiner Krankheit regelmäßig treffen – oft kommen ihm dabei allerdings seine vielen Arzttermine in die Quere. Derzeit muss Henrik bis zu vier Mal die Woche zur Behandlung ins 180 Kilometer entfernte Münster.

Leukämie Schulzeit | Foto: Privat

Die Chemotherapie wird im TV meist falsch dargestellt

Relativ schnell fallen dem 17-Jährigen nach der Chemotherapie die blonden Haare aus, die er sich jeden Morgen vor der Schule aufwändig zu einer Stehfrisur geföhnt hatte. Daraufhin besteht er darauf, zeitnah die verbliebenen Haarbüschel selbst abzurasieren. Den Moment nutzt Henrik, um verschiedene Styles auszuprobieren: Einen Sidecut, einen Irokesenhaarschnitt – alle von seiner Schwester mit dem Smartphone dokumentiert. Als letztes kommt die Glatze. Seine Freunde finden, sie steht ihm, er habe die Kopfform dafür.

Neben dem Ausfallen der Haare spürt Henrik auch die anderen Nebenwirkungen deutlich: Er muss sich sehr häufig übergeben, allerdings oft erst Tage nach der Chemotherapie. "Das wird im Fernsehen meist ganz falsch dargestellt", meint er. Auch sei man ja die meiste Zeit mit einem Tropf verbunden und könnte daher nicht durchs Krankenhaus laufen.

Albert Espinosa, der Autor der Serie "Club der roten Bänder" ist für ihn trotzdem ein Held, den er sehr gerne einmal persönlich treffen möchte. Henrik selbst ist Motivator für andere junge Krebspatienten auf seiner Station, besonders für einen kleinen Jungen aus Bielefeld, der sich wünscht, die Behandlung genauso positiv anzugehen wie sein großes Vorbild. "Wenn man das selber durchgemacht hat, kann man ganz anders darüber reden – auch anders als die Ärzte", so Henriks einfache Erklärung.

Privatlehrer auf der Isolierstation

Nach einer sechsmonatigen Behandlung in Bielefeld mit kurzen Pausen in der Heimat muss Henrik das Krankenhaus wechseln. Die Chemo schlägt nicht an, seine einzige Option ist nun eine Stammzellen-Transplantation. Im Oktober 2015 kommt er in die Uniklinik Münster, eine der wenigen Fachkliniken in Deutschland. Die Domstadt ist noch einmal weiter von Zuhause weg, was einen Besuch der Freunde fast unmöglich macht. Hinzu kommt, dass Henrik nach der Transplantation sechs Wochen auf die Isolierstation kommt, wo sowieso nur noch die engsten Verwandten und Freunde zugelassen sind – und sein Lehrer.

Da Henrik nicht mehr in die Schule gehen kann, kommt die Schule zu ihm. Mindestens zwei Tage in der Woche bekommt der 17-Jährige Besuch von einem Privatlehrer, auch auf der Isolierstation. Manchmal stellt er sich schlafend, aber das funktioniert nur selten.

Alle Besucher müssen zwei Schleusen passieren, um zu ihm zu kommen. Denn alles im Zimmer des jungen Patienten ist absolut steril. Nach einer Transplantation ist die Ansteckungsgefahr enorm hoch, da das Immunsystem quasi komplett lahmgelegt wurde. Die Isolation ist für Henrik aber nicht das Schlimmste, sondern das Essen: "Selbst das war keimfrei und schmeckte nach gar nichts." Da er während der Isolation fast nichts essen konnte, ist sein Magen zusammengeschrumpft.

Ein Leben nach der Leukämie

Der 17-Jährige wirkt sehr gefestigt, redet mit ruhiger Stimme, gibt bereitwillig über alles Auskunft. Obwohl der Krebs auch an ihm Spuren hinterlassen hat – er hat stark an Muskelmasse und Gewicht verloren – ist er immer noch der Halbes-Glas-voll-Typ. Henrik will auch in seiner jetzigen Situation, wo noch nicht sicher ist, wie es einmal ausgehen wird, nicht ans Sterben denken, sondern ans Leben: Zuerst will er wie seine Mitschüler in diesem Jahr seinen Abschluss machen. Dann will er definitiv mehr Zeit mit seiner Hündin Kira, einem Schweizer Sennenhund, verbringen. Die darf er derzeit nämlich nur streicheln, mehr nicht, und muss sich danach sofort die Hände waschen.

Wenn er einmal die Krankenhaus-Tage hinter sich hat, will Henrik nie mehr gelangweilt auf seinem Zimmer rumhängen, um PlayStation zu spielen. "Ich war im Krankenhaus oft genug allein. Ich will möglichst viel Zeit mit meinen Freunden verbringen und mit ihnen die Welt bereisen."

Vor einer Sache hat Henrik aber doch Angst: vorm Tabletten schlucken – und das jeden Tag aufs Neue. Morgens, mittags und abends. Die Immunsuppressiva, die sein Immunsystem unterdrücken, kann er morgens und abends in Form von Saft nehmen, was ihm acht Tabletten erspart. Bleiben immer noch ein Dutzend andere. Er schiebt es am liebsten bis zur letzten Minute auf. Auch diesmal. Jetzt ist es fünf vor zwölf mittags und die Pillendose auf dem Tisch ist noch unberührt. Doch die Chancen, dass er damit durchkommt sind gleich null. Den Ärzten und Krankenschwestern in Bielefeld und Münster und auch seiner Familie sei Dank. Sie passen darauf, dass er seine Pillen einnimmt, geben ihm Halt und noch so viel mehr.

Artikel-Bewertung:

3.26 von 5 Sternen bei 104 Bewertungen.

Deine Meinung: