Organspende
Schüler mit Spenderherzen berichten | Foto: Thinkstock/Maksim Shebeko
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18. Mai 2015

Almut Steinecke

Zündstoff

Organspende: Eine Schulzeit mit Spenderherz

Im wahrsten Sinne des Wortes eine Herzensangelegenheit

Mit 17 Jahren auf der "High Urgent"-Warteliste

Es ist ein schöner Spätsommermorgen, aber Nicolai kann die laue Luft nicht genießen. Die großen Ferien sind vorbei, die Schule hat gerade wieder angefangen, da droht er schon zu spät zu kommen. Gerade hechtet der 17-Jährige durch den Haupteingang des Berthold-Gymnasiums in Freiburg, guckt hektisch zur Uhr – nur noch wenige Sekunden, dann beginnt der Unterricht!

Nicolai macht einen Turbo-Treppensprint, nimmt mehrere Stufen auf einmal in eine der höheren Etagen zum Klassenraum. Er schafft es noch vorm Klingeln bis vor die Tür. Aber nicht mehr in die Klasse. Als Nicolai die Klinke runterdrücken will, sacken ihm fast die Beine weg. "Ich war so erschöpft, als hätte ich einen 2000-Meter-Lauf hinter mir." Zitternd lehnt sich der Schüler gegen die Wand.

Diese Szene ereignete sich im Spätsommer 2008. Nicolai Stockfisch aus Freiburg, heute 21 Jahre alt, erzählt sie im Rückblick. Jeder andere hätte die Erschöpfung von damals vielleicht auf eine supermiese Tagesform geschoben. Nicolai aber war alarmiert. Von Geburt an war er herzkrank. "Mein Herz war schwächer, als das eines gesunden Menschen, weil das Zusammenspiel zwischen Herzvorhöfen und Herzkammer, das für einen regelmäßigen Herzschlag verantwortlich ist, nicht funktionierte", erklärt er. Den Herzfehler hatte er zum ersten Mal mit 14 zu spüren bekommen, als er beim Snowboarden ohnmächtig wurde. Er kam ins Uniklinikum Freiburg, wo die Ärzte ihm einen Herzschrittmacher implantiert.

Nach dem Vorfall 2008 mit dem Treppensprint ging er freiwillig ins Uniklinikum. "Ich wollte mich vorsichtshalber durchchecken lassen." Das Ultraschallbild offenbarte Schreckliches: Sein Herz hatte sich krankhaft vergrößert, pumpte zu langsam, versorgte den Körper mit zu wenig sauerstoffreichem Blut. Die Ärzte setzten Nicolai auf die "High Urgent"-Warteliste für Patienten, die hochdringlich auf ein Spendeorgan warten. Nicolai wartete ab sofort auf ein neues Herz.

"Jeder von uns kann jederzeit in diese Situation kommen"

Er redete viel mit Familie, mit Freunden, setzte sich intensiv mit der Realität auseinander. Die Ärzte operierten ihn zwei Wochen später. "Brustkorb auf, Herz raus, Herz rein, Brustkorb zu – das war alles so abgefahren", erinnert sich Nicolai. Nach der OP bekam er Schuldgefühle, "ich hab’ mich schlecht gefühlt. ,Da ist ein anderer Mensch gestorben, und ich habe davon profitiert’, hab ich gedacht". Irgendwie fühlte sich das plötzlich alles nicht mehr so in Ordnung an.

Mit widersprüchlichen Gedanken, Gefühlen ist Nicolai nicht alleine. Viele zucken bei dem Thema "Organspende" zusammen. Die Vorstellung, dass ein Arzt nach ihrem Tod das Herz oder auch ein anderes Organ, eine Niere, die Lunge, die Leber aus ihrem Körper nimmt, erscheint ihnen absurd. Erst recht, wenn dann auch noch so etwas passiert, wie in Göttingen und Regensburg: Ärzte sollen an den dortigen Unikliniken Empfängerdaten manipuliert haben, um bestimmte Patienten bei der Vergabe von Spenderorganen zu bevorzugen.

Ein schlimmer Vorfall. Trotzdem spricht viel für eine Organspende, betont der 64-jährige Professor Günter Kirste, Vorsitzender der „Deutschen Stiftung Organtransplantation“ (DSO). "Rund 12 000 Patienten warten bundesweit auf ein neues Organ", sagt Kirste. "Jeder von uns kann jederzeit in diese Situation kommen."

"Mein Herz und ich sind eine Einheit"

So auch Philipp Hirlinger. Philipp ist 16 Jahre alt, kommt aus Herborn in Hessen und geht in die zehnte Klasse. Wie Nicolai musste auch er ein neues Herz bekommen, weil er mit einem Herzfehler geboren wurde – anders als Nicolai kann er sich an den Eingriff aber überhaupt nicht erinnern: Philipp war erst vier Monate alt, als er im größten deutschen Herztransplantationszentrum in Bad Oeynhausen operiert wurde, ist also mit seinem Spenderherz groß geworden.

Schuldgefühle kamen so nicht auf. "Mein Herz und ich", sagt er, "wir sind von jeher eine Einheit" – einzig, dass er zweimal am Tag starke Medikamente nehmen muss, erinnert ihn daran, dass er ein fremdes Organ hat. Die Medikamente dienen der so genannten "Immunsuppression": sie hindern Philipps Immunsystem daran, das fremde Herz abzustoßen.

Philipp muss die Medikamente sein Leben lang nehmen, wobei diese nicht herzspezifisch sind – alle Patienten mit einem fremden Organ im Körper müssen solche Tabletten zur "Immunsuppression" nehmen. Ab und zu muss Philipp zu Nachsorgeuntersuchungen ins Herztransplantationszentrum nach Gießen. Aber sonst geht es ihm gut. Er findet: "Wenn genügend Organe zur Verfügung stehen würden, könnte so etwas wie in Göttingen gar nicht passieren. Und die Menschen würden nicht schon auf der Warteliste sterben, und Organe würden ihren Sinn behalten, anstatt im Grab zu verwesen, könnten sie es Menschen ermöglichen, weiterzuleben."

"Große innere Dankbarkeit gegenüber dem Spender"

Viele, vor allem Gläubige, denken trotzdem, dass man die Ruhe eines toten Menschen nicht stören darf. Doch ein würdevoller Umgang mit dem Toten ist oberstes Gebot, unterstreicht Professor Kirste. "Die Organentnahme ist ein chirurgisch sehr sorgfältiger Vorgang, bei dem die Funktionstüchtigkeit der Organe erhalten bleiben muss." Wie nach einem Eingriff an einem lebenden Patienten werde die Schnittführung wieder richtig verschlossen und verbunden.

"Der Spender kann aufgebahrt werden, so dass die Angehörigen in Ruhe Abschied nehmen können", erklärt Kirste. "Viele Patienten, die ein neues Spenderorgan erhalten haben, betrachten dies als Geschenk und sprechen von einer sehr großen inneren Dankbarkeit gegenüber dem Spender. Dies kommt häufig auch in Form von Dankesbriefen zum Ausdruck, welche die ,DSO’ anonymisiert an die Angehörigenfamilien weiterleitet. Im Übrigen hat Papst Benedikt in einer vielbeachteten Rede 2010 erklärt, dass Organspende eine der höchsten Formen der Verwirklichung von Nächstenliebe unter den Menschen ist."

Das hat Nicolai auch schnell erkannt: im einigen wenigen Sitzungen mit einer Psychotherapeutin hat er rasch eingesehen, dass er keine Schuldgefühle zu haben braucht. Und kann heute sein Leben als Geschenk annehmen. "Ich habe mein Abi gemacht, ich studiere Englisch und Geographie auf Lehramt, nächstes Jahr will ich ein Urlaubssemester in Kanada machen." Im Frühjahr hat er sogar an den ,Deutschen Meisterschaften für Transplantierte’ teilgenommen, die „TransDia“, ein Sportverein für Betroffene, im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen regelmäßig veranstaltet. Nicolai hat an Wettkämpfen im Laufen, Weitsprung und Badminton teilgenommen, hat zweimal Gold, einmal Silber gewonnen.

Darüber freut er sich. Aber eigentlich freut er sich immer. Denn er lebt. "Und dafür", sagt Nicolai, "würde ich mich bei meinem Spender bedanken, wenn ich könnte. Jeden Tag aufs Neue."


Weitere Informationen zum Thema Organspende

Ab dem vollendeten 16. Lebensjahr ist eine eigenständige Zustimmung zur Organspende möglich,informiert Professor Günter Kirste von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). "Liegt keine Entscheidung vor, dürfen die Angehörigen oder eine vom Verstorbenen dazu benannte Person nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden. Neben der Zustimmung zu einer Organspende muss der Hirntod bei dem Verstorbenen zweifelsfrei festgestellt worden sein."

Seit dem 1. August 2012 ist das Transplantationsgesetz verschärft worden. Krankenhäuser sind z.B. verpflichtet, einen Transplantationsbeauftragten zu bestellen, der mit dem Klinikpersonal und den Koordinatoren der DSO interne Leitlinien für den Ablauf einer Organspende erarbeitet. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr will zudem einen Sonderkontrolleur nach dem "Mehr-Augen-Prinzip" einsetzen.

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