Stimmung Türkei
Nach der Putschnacht steckt allen der Schrecken noch in den Gliedern | Foto: Thinkstock/Moro Novak
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20. Jul 2016

Gastbeitrag

Zündstoff

Nach dem Putschversuch: Wie ist die Stimmung in Istanbul?

Ein Lagebericht

Die momentane Stimmung in der Türkei: Surreal

In der Nacht wird der Taksim-Platz dem Patriotismus geweiht. Abend für Abend verwandeln tausende Menschen den Platz in ein rotes Fahnenmeer. Im Takt orientalischer Musik, die von einer großen Bühne aus dicken Lautsprechern dröhnt, schwankt die Masse hin und her.

Die Bürger feiern sich selbst. Denn sie haben den Putsch des Militärs verhindert und ihre Demokratie verteidigt. Und sie feiern ihren Staatspräsidenten, der sie erfolgreich zum Widerstand aufgerufen hat.

Die Teilnehmer dieser Siegesfeier sind bunt. Vollverschleierte Damen singen gemeinsam mit Mädchen in kurzen Klamotten patriotische Lieder. Eltern haben ihre Kinder mitgebracht. Mitglieder verschiedener Parteien tragen offen ihre unterschiedlichen Abzeichen.

Wie im Rausch rufen sie vereint den Namen ihres Präsidenten: Recep Tayyip Erdogan! Immer wieder zündet jemand aus Begeisterung einen Bengalo, dessen Rauch der Szene etwas Surreales gibt.

Zwischen Schreckenserinnerungen und scheinbarem Alltag

Simon Hartmann TürkeiAuch ganz allgemein hat die Stimmung in der Türkei etwas Surreales an sich. Während die Bürger in der Nacht ihre eigene Glorie beschwören, gehen sie tagsüber ihren Geschäften nach als wäre nichts geschehen. Die Gäste des Cafés, in dem ich gerade sitze, läuten den Feierabend mit Tee und einem Backgammonspiel ein. Die vertrauten Rufe der Markthändler vom Hafen in Eminönü dringen zu mir empor. Friedlich erstreckt sich der Bosporus vor mir, der heute saphirblau blinkt.

Die Erinnerung an die Putschnacht kommen einem so unwirklich vor. Und doch steckt uns allen noch der Schrecken in den Gliedern. Denn wir alle wissen, dass noch vor wenigen Tagen Schüsse und Explosionen in der Stadt widerhallten. Dass verdunkelte Helikopter und Kampfjets miteinander um die Lufthoheit kämpften. Dass wagehalsige Bürger mit ihren bloßen Händen Panzer zu erobern versuchten. Erst allmählich können die vielen persönlichen Geschichten aufgearbeitet werden, deren Tonart immer zwischen panischer Furcht und tollkühner Zivilcourage wechselt.

Da ist der Mann, der sich vor einen Panzer warf, um ihn am Vorankommen zu hindern. Tatsächlich gab dessen Fahrer bald auf. Da ist der AKP-Funktionär, der mit seinem Sohn auf die Bosporusbrücke stürmte, um die Putschisten zu stellen. Der Vater hat überlebt, der Sohn wurde erschossen. Die jungen Polizeibeamten, die gemeinsam mit einem Tross von Zivilisten einen Fernsehsender zurückeroberten, nur um dann die Putschisten vor der Lynchjustiz des rachsüchtigen Mobs zu bewahren. Man kann nicht anders, als sich von diesen Geschichten berühren zu lassen, in Trauer und Zorn, genauso wie im Stolz.

Es ist wohl diese bizarre Mischung so unterschiedlicher Gefühle, die der Republik gerade wenig Raum für kühles Nachdenken lassen. Viele Bürger fordern die Wiedereinführung der Todesstrafe. Dabei war es ein Kabinett Erdogan, das dieses barbarische Instrument 2004 im Rahmen der Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union abgeschafft hatte. Nun ist ein Referendum über diese Frage im Gespräch.

Die Verschwörungstheorien blühen

Auch Verschwörungstheorien gedeihen in diesem Klima prächtig. So meint die Regierung, in der Gülen-Bewegung den eigentlichen Urheber des Putsches ausgemacht zu haben und reagiert entsprechend hart gegen etwaige Mitglieder in Justiz und Bildungswesen.

Auf der anderen Seite sagen Oppositionelle der Regierung nach, den Coup nur vorgetäuscht zu haben. Beide Seiten scheinen die Rolle des Militärs eigentümlich unterzubelichten.

Noch in der Putschnacht hatten sich alle Oppositionsparteien mit der Regierung solidarisiert. Es war ein Moment der Einigkeit, den dieses geschundene Land so lange schon nicht mehr erlebt hatte. Es war diese Eintracht, die die Bürger auf die Straßen führte und den Putsch zerschlug.

Doch die Tage danach deuten schon voraus, dass sich dieser Gemeinschaftssinn nicht heilsam auf alte Wunden wird legen können. Wenn sich der Rauch der Bengalos lichtet, werden die gesellschaftlichen Gräben wohl eher tiefer sein als zuvor.

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 20. Jul 2016 um 12:57 Uhr von weteer
Vielen Dank für diesen Blick aus dem Inneren!