Tagebuch einer Magersüchtigen
Hanna-Charlotte Blumroth von dem Lehn war über lange Jahre magersüchtig | Foto: Privat
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30. Jan 2015

Christina Scholten

Zündstoff

Magersucht: Der Hunger im Kopf

Kontrolliert außer Kontrolle: Das Tagebuch einer Magersüchtigen

Magersucht – du bist nicht allein!

  • Die bekanntesten Formen der Essstörung sind die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und die Magersucht (Anorexie), bei der Nahrung verweigert wird.
  • In Deutschland sind 21,9 Prozent der 11- bis 17-Jährigen von einer Essstörung betroffen.
  • Jedes vierte Mädchen hat Erfahrungen mit Bulimie oder Magersucht gemacht.
  • Jungs sind ebenso betroffen: 15,2 Prozent der Jungs in diesem Alter leiden unter der Krankheit.
  • Durch Schönheitsideale steigt die Zahl der Betroffenen: früher erkrankten von 100.000 Mädchen im Alter von 15 bis 24 Jahren 20 an Magersucht, heute sind es 50.
  • Informationen und Adressen für Hilfestellen findet ihr unter www.hungrig-online.de

Psychische Probleme sind oft der Auslöser

Das junge Mädchen im Café trinkt eine Cola, keine Light. Ihre blonden Haare liegen gestylt auf ihrem pailletten-bestickten Blazer. Nichts an diesem Bild scheint ungewöhnlich. Leise und bedacht wählt sie ihre Worte, wenn sie sagt: "Nur weil ich wieder normal aussehe, heißt das nicht, dass ich wieder gesund bin." Hanna ist magersüchtig, seitdem sie 16 Jahre alt ist. Wieder normal aussehen, das heißt für Hanna über 29 Kilo zu wiegen. Nicht mit lebensbedrohlichen Zuständen kämpfen, nicht in der Klinik sein. Jahrelang hat sie Essen verweigert, sie wollte immer noch dünner werden.

Wo genau dieser Zwang herkommt, versteht die 21-Jährige inzwischen ein wenig besser: "Ich hab mich oft gefragt, wer ich bin und was ich kann, dann kamen auch familiäre Sachen dazu, alles zum falschen Zeitpunkt." Mit dem neuen Freund ihrer Mutter kam sie nicht gut klar, ihren leiblichen Vater wollte sie gerade in dieser Zeit kennen lernen. Dann starb er. Hanna bekam schwere psychische Probleme. "Mein Gewicht war das Einzige, das ich an mir verändern konnte," blickt die in Bielefeld eingeschriebene Studentin zurück. Sie fing an, immer weniger zu essen und dafür mehr Sport zu machen. Bei Familienfeiern, bei denen sie am Kuchenbuffet zugeschlagen hat, schlich sie sich heimlich zur Toilette, um alles wieder auszubrechen. Sie lernte, den Appetit auszutricksen. Zum Beispiel Kuchenkrümel in Eiswürfeln einzufrieren, um diese dann zu lutschen. Das machte sie meistens heimlich, nachts. Denn schlafen konnte sie ohnehin nicht mehr.

Was zählt, ist die Kontrolle über den Körper

Schon bald bemerkten ihre Familie und ihre Freunde, wie schlecht es Hanna ging. Davon überzeugen, dass sie wieder essen soll, konnten sie sie aber nicht. Die damalige Schülerin zog sich zurück, traute ihren Freundinnen nicht mehr, dachte, dass alle nur neidisch seien. Heute weiß sie, dass man selbst einsehen muss, dass man Hilfe braucht.

Vier Therapien hat sie abgebrochen, dann hat sie einen ungewöhnlichen Weg genommen, um sich selbst zu helfen. Hanna wandte sich 2010 mit ihrer Geschichte an Stern TV. Daraus entstand ein bewegender Bericht, der dem mageren Mädchen viel Aufmerksamkeit brachte. Natürlich wollte sie sich selbst auch etwas damit beweisen, sagt sie. Sie brauchte die Aufnahmen, um sich selbst darüber bewusst zu werden, wie krank sie ist. Denn das ist das Schwierigste. Hanna begreift nicht, was es für den Körper bedeutet, magersüchtig zu sein, wie es sie von innen kaputt macht. Haarausfall, das Ausbleiben der Regelblutung, das sind noch die harmlosesten Auswirkungen. Bis hin zum organischen Versagen, zum Herzstillstand kann die Krankheit bei den Betroffenen führen, weil der Körper maßlos unterversorgt ist.

Bei Hanna wurde unter anderem ein Schaden an ihren Nieren diagnostiziert. Das bedeutet für sie, dass sie mit höchster Wahrscheinlichkeit später an die Dialyse muss. "Ich habe meine Mutter angerufen und es ihr erzählt. Sie fing sofort an zu weinen und ich war es, die sie beruhigen musste, weil es mir selbst gar nicht so bewusst war, " erinnert sie sich. Für Hanna hat immer nur die Kontrolle gezählt, die sie über ihren Körper hat. Sie wollte nicht essen. Und irgendwann konnte sie es nicht mehr.

Immer noch fühlt Hanna sich zu dick

Gerade während des Abiturs verlangte ihr die Magersucht viel ab. Unmengen Fehlstunden und Konzentrationsschwierigkeiten ließen sie immer wieder zurück fallen. Eigentlich zu schwach für einen solchen Kraftakt schaffte sie es trotzdem. Danach kam die schlimmste Zeit, in der sie nur noch 29 Kilo wog. Um anderen diesen Wahn verständlich zu machen, hat sie nun ein Buch geschrieben. "Kontrolliert außer Kontrolle" heißt es. Darin verwendet Hanna Tagebucheinträge aus der Zeit mit der Krankheit, die bis heute dauert. Immer noch hat sie Tränen in den Augen, wenn sie darüber erzählt. Immer noch fühlt sie sich zu dick. Bisher habe sie fast nur positive Reaktionen aus der Öffentlichkeit erfahren, sagt sie. Doch Kritiker gibt es natürlich auch.

Zum Beispiel die Kommilitoninnen an der Uni in München, an der sie für ein Semester studiert hat. Die haben sich abgewandt, als Hanna zugegeben hat, dass sie magersüchtig ist. Und wenn sie gefragt wird, was sie sich überhaupt denke, so mit Essen umzugehen, wo doch andere hungerten, kann sie nichts sagen. "Meistens fange ich dann an zu weinen, weil ich weiß, dass die Leute Recht haben. Es gibt so viel Hunger auf der Welt und man selbst hungert freiwillig. Aber im nächsten Moment versuche ich dann auch zu erklären, dass es einen psychischen Hintergrund hat. Und es nicht aus Trotz ist oder weil ich dicke Menschen nicht mag."


UNICUM Buch-Tipp

Hanna-Charlotte Blumroth von dem Lehn

Kontrolliert außer Kontrolle: Das Tagebuch einer Magersüchtigen

Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Preis: 9,95 Euro

VÖ: Bereits erschienen

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