Depressionen Mängelexemplar
"Ich habe Gedanken über Suizidgedanken": Karo liest schon mal den Beipackzettel | Foto: X-Verleih
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11. Mai 2016

Sandra Ruppel

Zündstoff

Im Ernst: Depressionen sind zum Lachen

... sagt Bloggerin Jana Seelig im Interview

#NotJustSad

Bloggerin und Autorin Jana Seelig erkrankte selbst an Depressionen und weiß nicht nur, wie es sich anfühlt, wenn man wie Karo in "Mängelexemplar" die Nerven verliert, sondern auch, wie es ist, wenn die Depression voll zuschlägt und plötzlich gar nichts mehr geht.

Im November 2014 zog Jana alias @isayshotgun das Interesse der Öffentlichkeit auf sich, als sie ihre Gefühle unter dem Hashtag "NotJustSad" mit der Twitter-Community teilte. Inzwischen hat die 1988 geborene Wahlberlinerin auch ein Buch geschrieben. In "Minusgefühle" (2015) berichtet die Autorin über ihr Leben mit der Depression. Anlässlich des Kinostarts von "Mängelexemplar" sprach UNICUM mit Jana darüber, ob man Depressionen auch mit Humor nehmen darf und wie der Umgang mit psychischen Erkrankungen im Netz sich in der letzten Zeit entwickelt hat.

Offen über Depressionen sprechen ...

Depression Jana SeeligUNICUM: In der Komödie "Mängelexemplar" werden die Probleme der Hauptfigur Karo häufig mit einem Augenzwinkern dargestellt. Wie ist das für dich, wenn man sich so einem ernsten Thema wie Depression auf humorvolle Weise nähert?
Jana Seelig: Ich finde jeden Weg, der das Thema beleuchtet und so einem breiteren Publikum Zugang dazu verschafft, richtig und wichtig. Depressionen sind etwas, das auf alle Fälle als Erkrankung ernst genommen werden sollte, da sie für viele Menschen lebensbedrohlich sind. Aber auf welchem Weg nun erreicht wird, dass unsere Gesellschaft sich mit diesem Thema auseinandersetzt, ist zweitrangig, solange offen darüber gesprochen und psychische Erkrankungen enttabuisiert werden.

Also sollte man über Depression auch mal lachen können? Oder befürchtest du, dass das Thema dadurch verharmlost wird?
Es ist nahezu unmöglich, eine depressive Phase zu überstehen, wenn man nicht auch mal über sich selbst und seine Erkrankung lachen kann. Sie mit einer guten Prise Humor zu nehmen, ist aus meiner Sicht eines der besten Dinge, die man als Betroffener für sich selbst tun kann, um aus dem Loch, das eine Depression mit sich bringt, wieder herauszukommen.



... und zu sich selbst stehen!

Denkst du, mit einer humorvollen Herangehensweise kann man mehr Leute erreichen als mit einer ernsten? Vielleicht auch solche, die sonst keine Berührungspunkte mit psychischen Erkrankungen oder davon Betroffenen haben?
Ich denke, um möglichst viele Menschen zu erreichen, ist ein Zusammenspiel von ernster und humorvoller Weise nötig. Mir persönlich ist wichtig, dass die richtigen Menschen erreicht werden. Und das sind die Betroffenen und die Leute, mit denen sie im täglichen Leben zu tun haben, wie beispielsweise Freunde, Angehörige oder Arbeitskollegen.

Du selbst hast im November 2014 nicht humorvoll, sondern mit Wut im Bauch deine Depression erstmals öffentlich auf Twitter thematisiert. Daraufhin sind die Reaktionen durch die Decke gegangen und plötzlich war das Thema medial enorm präsent. Wie nimmst du den Umgang mit Depressionen in den Medien inzwischen wahr? Zeichnet sich eine bestimmte Entwicklung ab?
Es ist nach wie vor leider so, dass das Thema nur dann mediale Aufmerksamkeit erfährt, wenn es im Zusammenhang mit einem furchtbaren Ereignis, wie beispielsweise dem Suizid eines Prominenten, steht. Ich habe die Hoffnung, dass sich das in Zukunft ändert.

Müssen von psychischen Erkrankungen Betroffene immer noch Angst haben, sich zu "outen"? Oder hast du den Eindruck, dass durch #NotJustSad ein größeres Verständnis für psychische Erkrankungen entstanden ist?
Der Begriff "Outing" ist in Deutschland so negativ belegt, dass die Scham davor, zu etwas zu stehen, was einen persönlich betrifft – sei es nun eine psychische Erkrankung oder die eigene Sexualität – im Subtext quasi unwiderruflich mitschwingt. Für mich war es die beste Entscheidung, nicht nur vor mir selbst, sondern auch vor anderen Menschen zu den Depressionen zu stehen, aber ich habe Verständnis für jeden, der es lieber für sich behält. Es ist und sollte auch weiterhin eine persönliche Entscheidung sein, ob man damit offen umgeht oder nicht, egal wie die Gesellschaft zu dem Thema steht. Wichtig ist, vor allem zu sich selbst zu stehen. Aus Angst oder Scham sollte niemand schweigen müssen, aber wenn man es nicht erzählen möchte, weil man es lieber mit sich selbst ausmacht, finde ich das voll okay.

Hattest du selbst auch mit negativen Reaktionen aus dem Netz zu kämpfen, nachdem du von deiner Krankheit berichtet hast? Wenn ja, von welcher Seite kamen diese vor allem?
Klar. Das bleibt nicht aus, wenn man zu etwas Stellung bezieht. Die Angriffe kamen von allen Seiten, aber die meisten Reaktionen waren positiv. Ich nehme das alles nicht persönlich. Es zeigt für mich, dass das Thema die Menschen bewegt.

Welches mediale Instrument hat aus deiner Sicht am meisten Macht, Einfluss auf die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu nehmen? Twitter, weil das bei dir funktioniert hat? Oder hätte auch ein Film, Musik, ein Zeitungsartikel oder ein Video so viel bewegen können?
Das kann ich gar nicht so genau beantworten. Für mich persönlich ist es gar nicht so wichtig, dass das Thema ständig in den Medien präsent ist, sondern dass Betroffene und Nicht-Betroffene offen miteinander sprechen können. Ein großer Kinofilm kann genauso viel bewirken wie ein YouTube-Video, das nur drei Klicks hat. Ich sehe da nicht unbedingt die Masse, sondern den Einzelnen. Es geht schließlich nicht nur um die Aufklärung von Nicht-Betroffenen, sondern auch, dass die Menschen, die befürchten, an einer Depression erkrankt zu sein, sich Hilfe suchen.

Gibt es ein Beispiel, bei dem dich die Art des öffentlichen Umgangs mit Depression besonders beeindruckt hat?
Mich haben vor allem die ganzen Menschen beeindruckt, die ihre Gefühle unter #NotJustSad zum Ausdruck gebracht haben. Jeder einzelne davon hat für mich eine Menge Mut bewiesen.

Wirst du selbst weiterhin deine Depression thematisieren und dazu arbeiten oder hast du das Gefühl, das Thema ist erschöpft?
Das Thema an sich wird nie erschöpft sein. Ich allerdings habe für mich selbst gerade ganz bewusst einen anderen Weg gewählt, weil ich mich in der Rolle der Depressiven nicht wohlfühle. Mein Leben hat mehr zu bieten als nur Minusgefühle.


UNICUM Abi-Kinotipp

Mängelexemplar Filmplakat | Foto: X-VerleihMÄNGELEXEMPLAR

Tragikomödie, Deutschland 2016

Regie: Laura Lackmann

Darsteller u.a.: Claudia Eisinger, Laura Tonke, Katja Riemann

Verleih: X-Verleih

Kinostart: 12. Mai 2016

Mehr Infos unter www.ufa-fiction.de

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