Zukunftsangst Abitur
Welche Karriere darf's nach dem Abitur sein? | Foto: Thinkstock/man wai Chan
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13. Jun 2012

UNICUM Onlineredaktion

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Zukunftsangst? Die Demografie wird es schon regeln

-ARCHIV-

Ein Beitrag von Gastautorin Julia Friedrichs

Arbeit wird knapp! Geld sowieso!

Ich weiß. Jahrelang haben sie uns eingeredet, dass alles schlimmer wird, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen, als sie es je taten, dass wir schneller und effizienter und leistungsbereiter sein müssen, als sie es je waren, dass wir immer und mit allen konkurrieren müssen, rund um den Globus und in allen Zeitzonen, nicht nur von neun bis fünf mit dem Kollegen im Nachbarbüro, wie sie es einst taten. 

Sie haben uns gewarnt, dass man ohne Fremdsprachen, lückenlosen Lebenslauf und Auslandsaufenthalt schon mal gar nichts findet und uns beigebracht, dass man doch froh sein muss, wenn wir einen Krümel des Arbeitskuchens würden ergattern können, einen Teilzeit-, Aushilfs- oder Was-auch-immer-Job, schlecht bezahlt und ohne tarifliche Extras, die sie ihr Leben lang genossen.

Sie, das waren manchmal unsere Eltern, häufiger eure Lehrer und unsere Professoren und vor allem diverse alte und mittelalte Männer - Politiker und Manager - die uns die immer gleiche Botschaft mit auf den Weg gaben: Arbeit wird knapp! Geld sowieso! Seid froh, wenn ihr überhaupt noch etwas bekommt!

Leistungsbereit und vernünftig wie nie

Und was passiert? Wie immer, wenn vermeintliche Wahrheiten in Dauerschleifen wiederholt werden, haben wir offensichtlich begonnen, sie zu glauben. Laut Jugendstudien seid ihr, die ihr jetzt in den Beruf startet, leistungsbereit, pragmatisch und bescheiden wie kaum eine Generation vor euch. Die seien alle so vernünftig, wunderten sich die Autoren des Magazins der Süddeutschen Zeitung, die in diesem Sommer ein Heft über 20-Jährige verfassten.

Und als ich für mein Buch "Ideale - Auf der Suche nach dem, was zählt" die Schüler dreier Klassen bat, mir zu schreiben, was sie sich für ihr Leben erträumen, bekam ich Antworten, die sich mit diesem Befund decken. "Ich stelle mir mein Leben mit 30 so vor", schrieb einer. "Morgens früh aufstehen, zur Arbeit gehen, Sport machen, Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern verbringen, schlafen gehen." Ein anderer wollte: "Frau, 2 Kinder, Haus, 1 Hund."

Revolution? Nein, danke...

Eine andere wollte mit ihrer Familie glücklich und gesund in einem großen Haus leben. Zahm, brav, genügsam und überraschend konservativ: der Wunsch nach etwas Sicherheit in einer Welt, die immer unübersichtlicher zu sein scheint.

Ich weiß nicht, ob ihr anders seid. Aber keiner der Schüler, der mir schrieb, wollte die Welt aus den Angeln heben. Revolution liegt uns Jungen zumindest in Deutschland fern. Wir wollen die Welt nicht verändern, wie es so viele Junge vor uns taten, wir wollen teilhaben, mit dazugehören dürfen, einen Platz ergattern und sei es einer in der hinteren Reihe. 

Aus ihrer Sicht haben sie das ganz gut hinbekommen - die alten Herren mit den schlechten Nachrichten, die uns Angst vor der Zukunft machten. Aber haben sie überhaupt Recht? Die Unternehmensberatung McKinsey hat berechnet, dass bis 2020 in Deutschland schätzungsweise zwei Millionen Fachkräfte fehlen werden. Schon jetzt schrumpft die Zahl derer, die pro Jahrgang die Schulen und Universitäten verlassen. 

Auch wenn es in diesem Jahr wegen dem Wegfall der Wehrpflicht und einigen Doppeljahrgängen, die die Schule verlassen, noch mal kurzfristig voll wird, ist die Tendenz eindeutig: 2009 waren es 850.000, 2025 werden es nur noch 700.000 sein. Es wird dann über vier Millionen unter 30-Jährige weniger geben.

Nicht die Chancen, nur der Stress nimmt zu

Selbst wenn alle Kinder, die im Jahr 2000 geboren wurden, später arbeiten würden, könnten sie die, die dann in Rente gehen, nicht ersetzen. Eigentlich klingen diese Zahlen nicht danach, als müsste es eine erbarmungslose Konkurrenz um wenige, schlecht bezahlte Jobs geben.

Eigentlich deuten diese Statistiken nicht darauf hin, dass wir uns in ein Wettrüsten der Qualifikationen stürzen müssten, dass wir uns im Wettkampf der vollsten Lebensläufe und niedrigsten Lohnforderungen gegenseitig ausstechen müssten. Eigentlich sieht es so aus, als ob die alten Herren uns brauchen würden, als gäbe es auch auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft Platz für alle.

Der Soziologe Heinz Bude beschreibt in seinem Buch "Bildungspanik" das Perfide dieses Wettstreits. Wenn wir Jungen ständig mehr Qualifikationen, mehr Fremdsprachen, mehr Praktika anbieten, unseren Bildungseinsatz also ständig erhöhen, werden trotzdem nicht alle bessere Chancen haben - nur der Stress, der nimmt für alle zu. "Wenn alle im Stadion aufstehen, um eine bessere Sicht zu haben", schreibt Bude, "sieht niemand besser, als wenn alle sitzen blieben."

Vielleicht wäre es nach all den Jahren, in denen wir auf das Kommando anderer aufgesprungen sind, tatsächlich besser, einfach mal sitzen zu bleiben. Wir könnten erst in Ruhe das Spiel betrachten und dann, wenn einer der alten Herren dort unten aus Altersgründen ausgewechselt wird, entschieden und mit Nachdruck unseren Platz auf dem Rasen einfordern.

Aber dafür müssten wir aufhören, brav auf den Rängen sitzen zu bleiben. Wir müssten runter und aufs Spielfeld drängen.


Über Julia Friedrichs

Julia Friedrichs, Jahrgang 1979, ist freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen. Für ihre Sozialreportage "Abgehängt - Leben in der Unterschicht" bekam Julia Friedrichs 2007 den Axel-Springer-Preis. Nach "Gestatten: Elite" (2008) und "Deutschland dritter Klasse" (2009) ist im Oktober 2011 ihr neues Buch "Ideale - Auf der Suche nach dem, was zählt" erschienen.

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