Was bedeutet Open Access
Freier Zugang zu Fachliteratur für alle, jederzeit: Fluch oder Segen? | Foto: Thinkstock/julief514
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10. Jun 2016

Sandra Ruppel

News

Open Access: Wissen für alle!?

Wie der offene Zugang zu Literatur unser Studienleben verändern soll

Leidensweg Literaturrecherche

So ziemlich jeder, der schon mal für ein Referat oder eine Hausarbeit recherchieren musste, kennt es: Bei der Literatursuche stößt du auf DEN Artikel, der deiner Arbeit eine ganz neue Richtung geben oder deine Thesen hieb- und stichfest untermauern könnte. Leider kommst du aber an den Text nicht heran, weil die Zeitschrift, in der der Artikel veröffentlicht wurde, in deiner Uni-Bibliothek nicht vorhanden ist.

Da der Titel vielversprechend klingt, versuchst du, über Umwege an den Aufsatz zu kommen – aber selbst, wenn du eine Bib gefunden hast, bei der du den Artikel über die Fernleihe bestellen kannst, musst du immer noch einige Tage auf den Aufsatz warten und sehr wahrscheinlich auch Gebühren für die Ausleihe oder die Kopien bezahlen. Im schlechtesten Fall gelingt es dir nicht einmal über Umwege an den Text heranzukommen und du musst deine Arbeit aufbauen, ohne den Aufsatz miteinbeziehen zu können – so aktuell, passend oder brisant er auch gewesen sein mag.

Das Problem ist, dass Fachzeitschriften teuer sind. Es kostet die Uni-Bibliotheken jährlich Millionen, entsprechende Zeitungen zu abonnieren. Dass die Lehrenden und Forschenden, die die Artikel veröffentlichen, an den Unis angestellt sind, spielt dabei keine Rolle – einkaufen und bezahlen müssen die Hochschulen die Magazine trotzdem, um an die Fachartikel herankommen zu können.

Digitale Bibliothek für alle

Der Zugang zu Fachartikeln soll nun jedoch deutlich vereinfacht werden, "Open Access" heißt das Schlüsselwort. Bis 2020 sollen Aufsätze, die von Wissenschaftlern im Rahmen ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit an den Universitäten verfasst wurden, auf öffentlichen Servern der Unis für alle frei zugänglich sein. Das hat der Rat für Wettbewerbsfähigkeit der EU Ende Mai 2016 beschlossen. Zwar werden neue Artikel weiterhin in den entsprechenden Fachzeitungen veröffentlicht werden. Spätestens nach einem Jahr soll der Uni aber ein Zweitzugangsrecht eingeräumt werden, so dass alle Interessierten die Texte lesen und damit arbeiten können.

Was bringt Open Access?

Im ersten Moment sorgt eine solche Aussicht für Jubel. Zum einen würde Open Access die Literaturrecherche enorm vereinfachen. Vorbei wären die Tage, an denen man vor Frustration schnaufend die Bib verlässt, mit dem Wissen, dass zwar genau die Aufsätze existieren, die man braucht – man aber trotzdem keine Möglichkeit hat, die Texte auch in der eigenen Arbeit zu zitieren, weil man einfach nicht weiß, wie man an den Artikel heran kommen soll.

Zum anderen wird Forschung und Wissenschaft auch zu großen Teilen aus öffentlichen Geldern finanziert. Es ist also nur fair, dass nicht nur Studierende kostenfreien Zugang zu Fachartikeln erhalten, sondern auch Gäste von außen, die die Bibliothek nutzen, um sich privat über bestimmte Themen zu informieren. Wissen sollte schließlich möglichst jedem offen stehen und zugänglich sein, egal, ob Studierender, oder Gast von außerhalb.

Was sind die Nebenwirkungen?

Open Access hat aber nicht nur Vorteile. Besonders kleine und mittlere Verlage werden zu kämpfen haben, wenn der freie Zugang zu Fachartikeln für alle umgesetzt wird. Die Verleger werden es sich außerdem gut überlegen, bei welchen Texten es sich "lohnt", sie abzudrucken. Aufsätze, bei denen damit zu rechnen ist, dass sie nur für eine kleine Leserschaft wichtig sind, werden dann möglicherweise gar nicht mehr gedruckt. Es könnte also alles, was nicht dem Interesse des Mainstreams entspricht, auf der Strecke bleiben.

Die Befürchtung, dass Verlagshäuser davon absehen, bestimmte Artikel herauszugeben, weil sie wissen, dass die Texte schon sehr bald nicht mehr nur exklusiv über sie zu bekommen sein werden, sondern frei für jeden im Internet abrufbar sind, haben auch manche Wissenschaftler. Denn nach wie vor sind Publikationen für das Ansehen eines Lehrenden und Forschenden enorm wichtig. Daran wird sich wohl auch so schnell nichts ändern.

Es bleibt also auch die Frage, wie die einzelnen Autoren mit der flächendeckenden Umsetzung des Open Access und damit, dass ihre Forschungsergebnisse digital für jeden abrufbar sein sollen, umgehen werden. Immerhin hat jeder Wissenschaftler das Recht, selbst zu entscheiden, wie und in welcher Form seine Gedanken und Ideen veröffentlicht werden. Dieses Recht ist auch als Wissenschaftsfreiheit im Grundgesetz verankert.

Uni Konstanz: Ein Fallbeispiel

Bei der Uni Konstanz allerdings geht man davon aus, dass Bedenken der Autoren über mögliche Absagen durch die Verlage unbegründet sind. An der Hochschule am Bodensee hat man sogar festgestellt, dass Aufsätze, die über den Open Access zugänglich sind, häufiger zitiert werden, als solche, die nicht ohne Hürden zu bekommen sind. Die Universität hat auch bereits ein eigenes Modell des freien digitalen Zugangs eingeführt: das "Konstanzer-Open-Access-Modell". Es entspricht zu großen Teilen den Vorgaben, die bis 2020 EU-weit umgesetzt sein sollen.

Wie es nun mit dem Konzept des Open Access weitergeht und welche Konsequenzen es tatsächlich für Studierende, Uni-Bibliotheken, Verlage und Forschende birgt, wird sich zeigen. Grundsätzlich dürfte die Aussicht auf eine deutlich stressfreiere Literaturrecherche aber für alle Hausarbeits-Geplagten ein Licht am Ende des zeitweise düsteren Schreibtunnels sein.


Open Access: kurz & knapp

  • Was bedeutet Open Access?
    Open Access bedeutet, dass allen der freie Zugang zu wissenschaftlichen Fachartikeln im Internet ermöglicht wird.
  • Wer hat das beschlossen?
    Der Rat für Wettbewerbsfähigkeit der EU hat die flächendeckende Einführung des freien Zugangs Ende Mai 2016 vereinbart. Eine rechtliche Pflicht, Open Access zu ermöglichen, haben die einzelnen EU-Mitgliedsländer aber trotzdem nicht.
  • Bis wann soll der Zugang für alle umgesetzt sein?
    Bis 2020 soll die Umstellung auf Open Access abgeschlossen sein.
  • Mehr Infos gibt es auch unter: open-access.net

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