Die freiwilligen Helfer Ashok und Fabien
Die Freunde Ashok und Fabien helfen beim Wiederaufbau Nepals | Foto: Privat
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01. Jun 2015

Alina Komorek

News

Nach dem Erdbeben in Nepal

Wie freiwillige Helfer aus Deutschland die Menschen unterstützen

Alinas Freunde blieben, um zu helfen

Vor zwei Wochen musste ich mein Paradies, das inzwischen in Trümmern liegt, verlassen. Achttausend Tote, Tausende Verletzte, 450.000 zerstörte Häuser – und ich fahre ins sichere Deutschland, wo mich mein schlechtes Gewissen quält. Denn ich lasse die Menschen im Stich, die mir so ans Herz gewachsen sind. Es war ein erschütterndes, wenn auch für mich noch harmloses Erlebnis während meiner letzten Woche in Nepal. Noch immer liege ich im Bett und habe den Reflex, aufzuspringen, weil ich von Nachbeben träume.

Das eigene Zuhause wurde für so viele Nepalesen zum Gefängnis, zur Todesfalle. Frohmut, Gastfreundlichkeit, der Wille, immer weiter zu machen ohne ein Wort des Klagens: Das alles sind Eigenschaften der dieser Menschen, die sie trotz der Katastrophe nicht verloren haben.

Meine Freunde sind dort geblieben. Sie leisten vor Ort weiter Hilfe, indem sie Reis, Gemüse und Zeltplanen an die Opfer des Jahrhundertbebens verteilen. Immer wieder müssen sie sich neuen Krisen stellen und neue Hindernisse überwinden. Oft stoßen sie an ihre Grenzen, gelangen erst über Umwege zu ihrem Ziel, die Situation für die Menschen besser zu machen.

Die Regierung, die die Menschen in einer solchen Lage unterstützen sollte, verschlimmert alles noch. Sie droht damit, die Spendenkonten einzufrieren, um selbst über das Geld verfügen zu können. Damit verfolgt sie das Ziel, mehr Stimmen bei der nächsten Wahl zu erhaschen und dann als Helden da zu stehen.

Einheimische und Fremde: Seite an Seite

Wieder einmal sind es die Ärmsten der Armen, die am meisten unter den Folgen der Naturkatastrophe leiden müssen. Wie von einem Magneten wird das Elend in ihre Richtung gezogen. Sie leben abseits der großen Städte, in denen die Hilfsorganisationen wenige Tage nach dem Beben bereits aktiv waren. Für immer haben die Erdbebenopfer ihre Häuser verloren.

Der Wiederaufbau ist mühsam. Sie wohnen weit ab der schlecht gepflasterten Straßen Nepals. Auch für die Helfer ist der Weg lang und schwierig. Denn sie müssen über steinige, unebene und vor allem gefährliche Straßen zu ihnen kommen. 

Doch der Nepalese Ashok und der Deutsche Fabien nehmen den Weg jeden Tag wieder auf sich, um ihr Versprechen einzulösen: Die beiden wollen helfen, um jeden Preis. Fabien ist bereits seit mehreren Monaten in Nepal. Er kam, um Freiwilligenarbeit zu leisten, die jetzt, nach Ende seines Projektes, richtig anfängt. Denn erst jetzt macht die Hilfe wirklich Sinn. Ashok ist angehender Ingenieur und nutzt seine Ferien am College in Naranghat, um seine Landsleute zu unterstützen.

Die schwierige Verteilung der Hilfsmittel

Trotz kurzer Nächte und langer Tage finden sie immer wieder die Kraft, stundenlang in das nächste Dorf zu fahren. Auf der Ladefläche des umständlich gemieteten Jeeps befinden sich morgens eine Tonne Reis, Gemüse und Hygieneartikel sowie Zeltplanen und Kleidung. Die Arbeit fängt an, wenn die zwei, zusammen mit anderen fleißigen Helfern, das Dorf erreichen. Sie müssen Vertrauen aufbauen, für eine faire Verteilung der Lebensmittel sorgen und vor allem erklären, warum sie nicht überall helfen können.

Gerade Ashok leistet dann Schwerstarbeit. Er dolmetscht, vermittelt, organisiert und verhandelt. Die beiden ergänzen sich. Denn Fabien verwaltet die Spenden von Freunden und Verwandten aus Europa, bietet Hilfe und Vertrauen an. Währenddessen stellt Ashok die Verbindung zu den Einheimischen her. Schließlich muss die Kultur und die Denkweise der Menschen in Nepal berücksichtigt werden. Es hilft nicht, ihnen westliche Hilfe überzustülpen.

Langfristig braucht Nepal wahre Helden. So wie die beiden 20-Jährigen, die den täglichen Stress auf sich nehmen, die rund um die Uhr Einsatz zeigen. Es ist eine starke physische und psychische Belastung. Und wer hilft den Helfern, die das Elend sehen? Die von hungrigen Großmüttern kleine Kinder in den Arm gedrückt bekommen, die gerade noch Lumpen am Körper tragen? Die zu allerletzt an sich denken und erst spät abends essen, wenn alle anderen versorgt sind?

Was kommt nach dem medialen Rummel?

Wir hier in Deutschland sitzen vor dem Fernseher und sehen nur die Bilder. Der Nachrichtensprecher rasselt Zahlen von Toten und Verletzten herunter. Danach zappen wir zu leicht verdaulichen Sendungen. Wir sind abgestumpft, gehen auf Abstand. Ashok und Fabien hingegen gehen hinein in das Epizentrum der Zerstörung. Sie sitzen im selben Boot wie diejenigen, die vor ihren Lehmhäusern schlafen müssen. Sie fürchten wie die Bevölkerung den Augenblick, in dem die Regenzeit einsetzt. Wenn eine einfache Zeltplane nicht mehr reichen wird als Schutz. Sie tun das freiwillig.

Das Thema wird über kurz oder lang aus den Medien verschwinden. In Tagen, vielleicht Wochen. Doch in Nepal werden die Schäden dann noch immer sichtbar sein. In den Herzen der Menschen wird die Erinnerung bleiben, ein Schaden, der von außen nicht gesehen werden kann. Es wird Zeit, langfristig zu helfen. Was passiert, wenn der Magen gefüllt, aber das eigene Zuhause noch immer ein Haufen alter Steine ist?

Ich danke den Helfern vor Ort, die unser Gewissen beruhigen. Die alles für andere geben, während wir eine kleinere oder größere Summe überweisen. Die nicht gefragt werden, wie ihr Leben danach weitergehen soll. Sie haben darauf auch kaum eine Antwort, denn sie leben für den Moment, den sie voll und ganz nutzen. Wie Ashok und Fabien, die jeden Tag wieder etwas auf die Beine stellen, was andere zum Strahlen bringt.


Im Interview: Fabien

Bereits wenige Tage nach dem Beben hast du gemeinsam mit anderen Freiwilligen begonnen, den Nepalesen zu helfen. Wie sieht die Hilfe aus und wo tauchen Probleme auf?
Wir sorgen dafür, dass die hungerleidenden Menschen etwas Sättigendes zu essen bekommen. Denn wenn sie überhaupt Nahrungsmittel besitzen, sind es Trockennudeln und Kekse. 

Die Probleme beginnen damit, in die betroffenen Dörfer zu gelangen. Zunächst muss ein bezahlbares und zuverlässiges Transportmittel gefunden werden. Dann braucht man die Zeit und Kraft, fünf bis sechs Stunden mit dem Jeep in die entlegenen Orte zu fahren. Außerdem muss der Rückweg noch am gleichen Tag erfolgen. Ebenfalls ist es schwer, die richtigen Informationen über die Situation in den jeweiligen Dörfern zu erhalten. So denkt jeder natürlich erst einmal, dass das eigene Dorf die Hilfe besonders nötig habe, ohne jedoch zu wissen, wie es andernorts aussieht. 

Am Schwersten fällt mir allerdings, bei der Hilfe Prioritäten zu setzen. Obwohl wir nicht immer allen Menschen helfen konnten, waren die Dorfbewohner  zufrieden. Die Dorfgemeinschaft schien hinterher gestärkt zu sein, so dass wir allem Anschein nach unsere Hilfsmittel gerecht verteilt haben. 

Wie nehmen die Menschen in den Dörfern, die die großen Hilfsorganisationen bislang nicht erreichten, eure Hilfe an?
Wir waren bis jetzt in über einem Dutzend Dörfer. Je größer das Leid dort war und je dringender Hilfe gebraucht wurde, desto mehr Respekt und Dankbarkeit brachten uns die Menschen entgegen. Dabei zeigen Nepalesen ihre Dankbarkeit ganz anders als in Deutschland: Das nepalesische Wort für Danke, "Dhanyabad", wird äußerst selten gebraucht, ebenso wie andere Höflichkeitsfloskeln. Wir begegnen auf unseren Touren vor allem wortloser Freude und Dankbarkeit, aber hin und wieder auch Gleichgültigkeit und Zorn, wenn man nicht allen helfen kann.

Wie geschafft bist du wirklich von den langen Tage, den kurzen Nächten, den Diskussionen und den physischen Anstrengungen?
Bislang hatte ich erst einen richtigen Tiefpunkt. Ich habe tagelang nicht richtig geschlafen und gegessen. Wir hatten Probleme mit dem Fahrer des Jeeps, der wieder einmal zwei Stunden Verspätung hatte, und vor uns lag noch eine dreistündige Fahrt. Das war wirklich hart. Am nächsten Tag saßen wir dann 24 Stunden in einer Stadt fest, so dass ich gezwungenermaßen zur Ruhe kommen konnte.

Es ist erstaunlich, wie viel Energie in einem steckt, was man alles leiten kann und wo noch Reserven sind, wenn es darum geht, Menschen zu helfen. Ihnen das zu geben, was ihnen eigentlich zusteht: Essen und ein sicherer Schlafplatz. Es macht mich sehr glücklich, helfen zu dürfen und zu sehen, wie uns auch die Menschen daheim nicht nur mit Spenden zur Seite stehen, sondern auch mit Rat, Zeit und vor allem Tatkraft.

Du warst zum Zeitpunkt des Bebens bereits mehrere Monate in Nepal. Wenn du später an deinen Aufenthalt zurückdenkst, werden dir dann vor allem das Beben und die Zeit danach in Erinnerung bleiben?
Das Beben wird ein wichtiger Bestandteil meiner Erinnerung sein, aber was ich in den Monaten gesehen, erfahren und lieben gelernt habe, wird mindestens genauso wichtig für mich sein. Ich habe so viele Dinge erleben dürfen: Eine Motorradtour, Trekking im Annapurna-Gebirge, eine Nacht mit Ziegen, Hühnern und zwei schnarchenden Frauen in einer kleinen Hütte irgendwo im Nirgendwo. Doch was mir wirklich ans Herz gewachsen ist, sind die Menschen, die zu wahren Freunden wurden. Meine Gastfamilie, die Sitten, die Kultur des Landes. Das sind Dinge, die mir für immer erhalten bleiben werden.

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