Frauenstudiengang Informatik
Im Frauenstudiengang Informatik besonders wichtig: ein hoher Praxisbezug | Foto: Thinkstock/m-gucci
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03. Mai 2016

Merel Neuheuser

Studium

"Girls only!": MINT-Fächer für Frauen

Der "Internationale Frauenstudiengang Informatik"

An die Rechner, Mädels!

Was in den USA ziemlich normal ist (dort gibt es sogar ganze "Women’s Colleges"), ist hierzulande eine Rarität. Zumeist werden Frauenstudiengänge, wie es ihn an der Hochschule Bremen gibt, in den MINT-Fächern angeboten. Warum, liegt auf der Hand: Während der Frauenanteil in Sprach- oder Sozialwissenschaften mehr als hoch ist, sind Studentinnen in vielen MINT-Fächern die Ausnahme. Und DIE Ausnahme in Person ist wohl niemand gern!

Auch nicht Michelle Frensel, die ein Mathe-Studium vorzeitig abbrach, um zum Frauenstudiengang Informatik zu wechseln. "Wenn ich im Hörsaal mal eine Frage hatte, hatte ich immer das Gefühl, alle anderen schauen mich an und denken 'Das Mädchen hat wieder was nicht verstanden'. Dadurch, dass es so wenige Kommilitoninnen gibt, hat man automatisch eine sehr exponierte Stellung",  erklärt die 24-jährige Informatikerin ihren Wechsel. "DAS Mädchen im Studiengang zu sein, macht einfach unfrei", schiebt Prof. Dr. rer. nat. Gerlinde Schreiber, Michelles Dozentin und zugleich Leiterin des Bremer Studiengangs, hinterher.

Sie ist seit der Gründung des Internationalen Frauenstudiengangs Informatik vor 15 Jahren dabei. Seit fünf Jahren gibt es auch in Berlin eine Variante nach Bremer Vorbild, den Frauenstudiengang Wirtschaftsinformatik. Der Unterschied ist das Wort "Wirtschaft" vor der Informatik. "Wir wollen uns hier in Bremen nicht auf die Wirtschaft beschränken. Wenn beispielsweise ein Museum einen multimedialen Museumsführer entwickeln möchte, dann bilden wir auch für diese Art von Anwendungen aus", sagt Schreiber.

Lernen Frauen und Männer denn anders? Dieser Frage widmet sich natürlich auch die Geschlechterforschung. Und zumeist besteht Konsens darüber, dass Frauen sich eher von Aufgaben angesprochen fühlen, die einen praktischen Bezug haben. "Unseren Studiengang zeichnet deshalb ein hoher Praxisbezug aus. Wir versuchen, möglichst viele angewandte Projekte mit Industriepartnern zu ermöglichen und Lehrende aus IT-Unternehmen einzubeziehen, damit unsere Studentinnen direkt den Anwendungsbezug sehen", sagt Schreiber und fügt hinzu: "Aber ich glaube, es gibt auch junge Männer, denen ein bisschen mehr Anwendungsbezug ganz guttun würde!"

Du als Frau studierst Informatik?

Sonst unterscheidet sich der Internationale Frauenstudiengang Informatik kaum von anderen IT-Studiengängen. Einzig zu Beginn des ersten Semesters wird das "Praktikum Rechnerarchitektur" angeboten, bei dem die Erstis das machen sollen, was viele Mädels bislang noch nicht gemacht haben: den Rechner auseinanderbauen und danach wieder zusammenbauen. "Erfahrungsgemäß haben Männer das zu Beginn eines Informatikstudiums bereits gemacht, aber nicht alle Frauen", erklärt Schreiber die einzige Extra-Veranstaltung.

Michelle gehört nicht dazu, sie hatte bereits vor Antritt des Studiums ihren Computer in alle Einzelteile zerlegt. Damals noch eher unsachgemäß. Dafür weiß sie umso besser, wie fest Vorurteile in den Köpfen auch junger Leute verankert sind. "Du als Frau studierst Informatik?", hört sie immer wieder. Dass ihr damit fehlende Kompetenz im Umgang mit Computertechnik unterstellt wird, macht sie zumeist erst einmal traurig, später aber stolz, wenn sie eben jenen Skeptikern durch Lösung diverser PC- Probleme die Überraschung ins Gesicht zaubern kann.

Die Angst vor solchen Vorurteilen war es auch, die ihre Kommilitonin Kristina Acar auf die Idee brachte, Informatik in einem Frauenstudiengang zu studieren. "Ich wusste vorher schon, dass ich in Informatik genauso gut bin wie Männer, aber ich wollte mich trotzdem nicht mit Vorurteilen messen lassen. Hier ist die Atmosphäre total entspannt und gut."

Die beiden Informatikerinnen und Vollblut-Werder-Bremen-Fans tauschen ihre geschätzten Kommilitoninnen allerdings bald für ein Semester gegen lettische Mitstudenten aus, denn ein Auslandssemester ist fester Bestandteil ihres Studiengangs. Mit hundert Prozent weiblichen Absolventen spielt der Frauenstudiengang der Wirtschaft natürlich in die Karten. IT-Unternehmen suchen händeringend nach weiblichen Arbeitskräften. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass Teams erst dann wirklich kreativ und effizient arbeiten, wenn sie sich aus Mitarbeitern mit unterschiedlichen Hintergründen, Sichtweisen und Qualitäten zusammensetzen", erklärt Esther Löb, Leiterin Recruiting bei Microsoft Deutschland.

Vielfalt durch Exklusion?

Wie passt das aber mit einem reinen Frauenstudiengang zusammen? "Das ist das Witzige: Dass wir etwas für Vielfalt tun, indem wir eine Zeitlang nicht vielfältig sind", sagt Professorin Schreiber lachend. Rückendeckung bekommen die Bremerinnen auch von der Gesellschaft für Informatik. Christine Regitz ist Sprecherin der Fachgruppe Frauen und Informatik und stellt sich deutlich hinter das Konzept: "Wir als Fachgruppe sehen den Ansatz der reinen Frauenstudiengänge als sehr erfolgreich und vielversprechend an."

Und wie finden es Arbeitgeber, wenn ihre Bewerberinnen einen solchen Abschluss auf dem Lebenslauf stehen haben? Gut, laut Esther Löb: "Da der Anteil der Studienanfängerinnen in der Informatik mit weniger als einem Viertel immer noch weit hinter dem Männeranteil liegt, begrüßen wir jeden Ansatz, der das Interesse von Frauen an der IT weiter stärkt. Absolventinnen aus Studiengängen speziell für Frauen sind dabei genauso interessant für uns wie aus klassischen IT-Studiengängen."

Bei Microsoft sei die Förderung von Frauen daher ein wichtiger Pfeiler der Personalstrategie. "In unserem Nachwuchsprogramm sind zum Beispiel rund die Hälfte der Teilnehmer weiblich", fügt Löb hinzu. Dass Michelle und Kristina beruflich eine ziemlich kluge Entscheidung getroffen haben, zeigen vor allem die diversen Jobangebote, die die beiden bereits vor ihrem Abschluss bekommen haben. Aber an einen vorzeitigen Berufseinstieg denken die beiden noch nicht – sie freuen sich erst einmal auf Riga!

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